Kirche²

Seit einiger Zeit machen neue Begriffe in der Kirchenlandschaft die Runde: FreshX oder Kirche². Damit wird eine Bewegung bezeichnet, die die Kirche wieder näher an die Menschen bringen möchte. Die Personen, die sich dieser Bewegung anschließen, möchten noch einmal grundsätzlich fragen: Wozu ist Kirche da? Wo finden wir Kirche? Wo kommen wir her und woher bekommen wir unsere Kraft?

Kirche neu denken

Thomas Steinke ist Gemeindepastor in Fintel und Vorsitzender des Innovationsausschusses im Kirchenkreis Rotenburg. Der Ausschuss hat den Auftrag, in einer sich wandelnden Zeit Veränderungen in der Kirche anzuregen und Mut zu machen, neue Wegen zu gehen. Anette Meyer, Öffentlichkeitsbeauftragte des Kirchenkreises Rotenburg, befragte ihn zu den Perspektiven.

Anette Meyer: Seit einiger Zeit geistern neue Begriffe durch die Kirchenlandschaft: FreshX oder Kirche². Was ist damit gemeint?

Thomas Steinke: Sie bezeichnen eine Bewegung, die die Kirche wieder näher an die Menschen bringen möchte. Die Personen, die sich dieser Bewegung anschließen, möchten noch einmal grundsätzlich fragen: Wozu ist Kirche da? Wo finden wir Kirche? Wo kommen wir her und woher bekommen wir unsere Kraft?

Anette Meyer: Das klingt nach: „Zurück zu den Wurzeln“. Hat die Kirche ihre Wurzeln etwa verloren?

Thomas Steinke: Die Kirche macht seit einigen Jahrzehnten einen gravierenden Veränderungsprozess durch. Die von der Tradition gespeiste Selbstverständlichkeit geht verloren. Es gibt immer weniger Mitglieder. Das ist durch den demographischen Wandel und Kirchenaustritte verursacht. Dadurch setzt eine Sparrunde nach der anderen den Kirchengemeinden zu.

Die Strukturen, in denen wir uns bewegen, sind aber immer noch dieselben. Deshalb müssen die Aktiven – das sind sowohl die Haupt- als auch die Ehrenamtlichen – immer mehr Gremienarbeit leisten. Sie haben nicht mehr die nötige Zeit für den direkten Kontakt zu den Menschen, für die sie eigentlich da sein wollen. Für immer mehr Aktive scheint jetzt ein Punkt erreicht zu sein, an dem sie für sich denken, dass es so nicht mehr weitergeht. Sie beginnen sich grundsätzlich zu fragen: Wofür sind wir eigentlich da? Insofern ist das tatsächlich eine Rückbesinnung auf die Quellen.

Anette Meyer: Ist die Kirche wirklich so weit entfernt von den Menschen? Es gibt doch ein so großes, vielfältiges Angebot in jeder Kirchengemeinde.

Thomas Steinke: Das stimmt. Noch immer gelingt es uns an vielen Stellen, Menschen für unsere Angebote zu interessieren. Und viele fühlen sich bei uns beheimatet. Darin sind wir geübt: Wir sind eine einladende Kirche. Und dann erwarten wir, dass die Menschen zu uns kommen. Allerdings müssen wir auch das andere wahrnehmen: Für immer mehr Menschen spielen Kirche oder der christliche Glaube nur noch eine sehr unbedeutende oder gar keine Rolle mehr. Wir sollten deshalb neu unseren Auftrag bedenken. In der Bibel steht ja nicht: Setzt euch hin und ladet ein. Dort steht: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Die neue Bewegung möchte wieder neu hinhören. Und sie möchte die Menschen dort aufsuchen, wo sie sind.

Anette Meyer: Wie soll das aussehen?

Thomas Steinke: Wir können beispielsweise nach England schauen. Dort ist die Entwicklung des Mitgliederschwundes schon viel weiter fortgeschritten als bei uns. Zahlreiche Kirchen sind geschlossen worden. Und dennoch bedeutete das nicht den Untergang der Kirche, sondern es setzte eine spannende Entwicklung ein. Es gründeten sich vielfältige und kreative Gemeindeformen jenseits der Ortsgemeinde. Sie nennen sich „fresh expressions of church“, was so viel bedeutet wie „unverbrauchte Formen der Kirche“. Ihre Anzahl nimmt stetig zu.

Anette Meyer: Wo treffen sich die Menschen einer FreshX?

Thomas Steinke: Das kann überall sein. Ich kenne ein Beispiel aus einer englischen Stadt, in der eine große Anzahl Büroangestellter zu Mittag immer in einem bestimmten Restaurant isst. Dort macht jemand jetzt regelmäßig eine Andacht. Daraus ist eine lebendige Gruppe geworden. Aber auch bei uns in Deutschland gibt es erste Aufbrüche und gute Beispiele. So gibt es etwa eine Gemeinde, die immer samstags an einem Supermarkt ein Erzählzelt und Spielmöglichkeiten für Kinder aufbaut. Dort können die Erwachsenen ihre Sprösslinge abgeben, in Ruhe einkaufen gehen und anschließend noch bei einer Tasse Kaffee zusammen sein.

Anette Meyer: Das klingt unverbindlich.

Thomas Steinke: Das ist es aber nicht. Wenn wir uns zurückbesinnen auf die Quellen, dann ist es Gott selbst, der die Kirche sammelt. Er beruft und er sendet. Es geschieht nichts ohne uns, aber der, der wirkt, ist Gott. Er ist es, der Kirche schafft und erhält. Er wirkt und nimmt uns in seine Bewegung hin zu den Menschen hinein. Wir selbst bringen nur unsere Glaubenserfahrungen mit und gemeinsam mit den anderen, auf die wir an den neuen Orten treffen, schauen wir dann, was sich entwickelt.

Anette Meyer: Das kann aber nicht jeder.

Thomas Steinke: Das muss auch nicht jeder. Die vertraute Form von Kirche wird es natürlich weiter geben. FreshX gibt es daneben. Wer sich dafür interessiert, kann Fortbildungen besuchen. Ich werde an so einem Kurs teilnehmen und würde mich freuen, wenn sich noch weitere Interessierte aus unserem Kirchenkreis finden würden. Der Kurs findet statt vom 28. November bis 2. Dezember im Kloster Ludgerus Helmstedt. Also bitte gern bei mir melden: 04265/9540641 oder Thomas.Steinke@evlka.de.

Anette Meyer: Kirche wird also in Zukunft kleiner und vielfältiger werden?

Thomas Steinke: Genau. Ich bin überzeugt, dass viel passieren wird, wenn wir Kirche auf diese Weise neu denken. Wir werden den Gesamttrend des Mitgliederschwundes nicht aufhalten können. Das ist auch nicht das Ziel dieser Bewegung. Aber wir haben nicht mehr den Anspruch, uns ein Bein auszureißen und Dinge aufrecht zu erhalten, von denen wir meinen, sie müssten sein, weil es immer so war. Wir schauen neu, was die Menschen im Alltag brauchen und wer von uns welche Gaben einbringen kann. Der Theologe Christian Hennecke, den ich sehr schätze, hat gesagt: „Kirche ist ein Haus, aber kein Hotel. Kirche lebt aus Lebensrelevanz und Nähe.“

Anette Meyer: Herr Hennecke ist katholisch. Der Workshop, der im Mai in Waffensen zu diesem Thema stattgefunden hat, und der bewusst nicht in einem Gemeindezentrum, sondern in einer Holzbaufirma verortet war, wurde von der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und dem katholischen Bistum Hildesheim ausgerichtet. Ist die Bewegung ökumenisch?

Thomas Steinke: Ja, das ist sie. Und ich freue mich darüber. Diese Rückbesinnung auf Bibel und Gebet ist ein gemeinsames Anliegen von Katholiken und Evangelischen. Hier im Norden heißt diese ökumenische Bewegung Kirche². Beide Konfessionen suchen nach Wegen, die Kirche von innen heraus zu erneuern. Das war vor bald 500 Jahren schon Luthers wichtigstes Anliegen. Vielleicht kommen wir dem ausgerechnet im Jubiläumsjahr der Reformation wieder einen Schritt näher.

Weitere Informationen gibt es unter: www.kirchehochzwei.de und www.freshexpressions.de.

 

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Thomas Steinke während des Workshops "Kirche im Umbau" in Waffensen, Foto: Kirch²
Thomas Steinke während des Workshops "Kirche im Umbau" in Waffensen, Foto: Kirche²

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