Der Kirchenkreis Rotenburg

So ist Kirche hier im Kirchenkreis Rotenburg. Das macht sie. Dazu ist sie in unserer Welt nützlich und notwendig. Das sind die Menschen, die sich hier engagieren. Das sind ihre Erfahrungen, Ideen und Ziele. Und immer wieder wird deutlich: In dieser Kirche ist Platz, um selbst dabei zu sein, mitzuerleben und auch mitzugestalten.

Eine Stimme für Schwache und Arme

Diakonisches Werk: Heinz Wagner nach fast 35 Jahren in den Ruhestand verabschiedet

Er ist mutig und unbequem, wenn es um die Belange von Armen und Schwachen geht. Heinz Wagner hat sich als Kirchenkreissozialarbeiter fast 35 Jahre für die Menschen eingesetzt, die am Rand der Gesellschaft stehen, die auf Hilfe angewiesen oder benachteiligt sind. Jetzt ist er in den Ruhestand gegangen und blickt auf ein nicht immer einfaches aber auch erfülltes Berufsleben zurück.

„Es ist erstaunlich, was sich alles verändert hat“, sagt der 65-Jährige. Immer wieder hat er Notlagen aufgedeckt und versucht, Hilfe zu ermöglichen. „Das ist Aufgabe von Sozialarbeit. Sie reagiert auf Probleme, die anstehen“, sagt der Diplom-Sozialarbeiter. Als er Anfang der 1980er Jahre im Diakonischen Werk des Kirchenkreises Rotenburg seine Stelle antrat, galt seine Aufmerksamkeit zunächst den Obdachlosen und Nichtsesshaften. „Die Kirchengemeinden gaben damals Lebensmittel oder etwas Geld und hofften ansonsten, dass diese Menschen weiterziehen würden. Das war eine vertreibende Hilfe“, sagt Wagner. Unter seiner Leitung wurde ein kirchlicher Arbeitskreis gegründet, um Angebote für diesen Personenkreis zu entwickeln. Daraus entstand gemeinsam mit dem Matthias-Claudius-Heim die Einrichtung des Birkenhauses, in dem Nichtsesshafte seither Hilfe und Unterstützung finden. Einige Jahre später übernahm der Herbergsverein Lüneburg die Trägerschaft.

Heute ist es zwar immer noch schwer, Wohnungen für Obdachlose und Nichtsesshafte zu finden, aber es gibt inzwischen Unterkünfte und Beratungsmöglichkeiten im Landkreis. „Da hat sich ein System an Hilfsmöglichkeiten und Ansprechpartnern entwickelt“, freut sich Wagner.

Ein weiteres großes Thema der 1980er Jahre war die Arbeitslosigkeit. In der Kirchengemeinde Brockel entstand auf Initiative des damaligen Pastors Klaus Haarmann, der Diakonin Kerstin Dede und Heinz Wagner ein Jugendhilfeprojekt, bei dem arbeitslose junge Leute unter Anleitung handwerklich tätig sein konnten und auch Zeit zur Begegnung und zum Austausch haben sollten. Später wurde aus dieser Initiative die Brockeler Werkstatt-Gemeinde mit einer Textilwerkstatt. Heute ist daraus in Trägerschaft des Herbergsvereins Lüneburg die Jugendwerkstatt für Jugendliche ohne Ausbildung geworden.

Immer wieder hatte der Sozialarbeiter auch Konflikte mit dem Landkreis Rotenburg auszutragen. Aufsehen erregte beispielsweise 1989 seine Klage gegen den Landkreis, weil dieser einem Kind im Rahmen der Sozialhilfe lediglich gebrauchte Kleidung bewilligen wollte.

In den 1990er Jahren hat Heinz Wagner sich dafür stark gemacht, dass der Kirchenkreis seine Unterstützung für Aussiedler und Asylbewerber intensiviert. Bis zu diesem Zeitpunkt war er der einzige Angestellte im Diakonischen Werk. Jetzt kamen Eckhard Lang und ein bisschen später auch Herbert Neumann dazu, die für die Beratung von Migranten und Asylsuchenden zuständig waren.

In den 1990er Jahren verstärkte sich die Nachfrage nach Schuldnerberatung. Das bewog Wagner dazu, eine Ausbildung zum Schuldnerberater zu machen. Weil der Bedarf sehr groß war, entwickelten Wagner und ein Team ein Modell, mit dem es gelang, zwei Stellen für Schuldnerberater in den Kirchenkreisen Rotenburg und Bremervörde einzurichten. „Diese Konstellation über Kirchenkreis-Grenzen hinweg war zu dem Zeitpunkt etwas Besonderes. Unser Modell läuft bis heute“, sagt Wagner nicht ohne Stolz.

Das Problemfeld, dem er sich nun verstärkt annahm, war die Beratung psychisch erkrankter Menschen. „Das Angebot war hier sehr gering“, erinnert er sich. So entwickelte er mit Betroffenen gemeinsam die Frühstückstreffen für psychisch erkrankte Menschen, an denen auch immer ein Sozialarbeiter als Ansprechpartner teilnimmt. Bis heute gibt es dieses Angebot in drei Kirchengemeinden – Rotenburg, Scheeßel und Visselhövede. Aber auch hier hat sich seit seinem frühen Engagement viel getan. Inzwischen gibt es ein gutes System aus Beratung und Therapiemöglichkeiten von unterschiedlichen Anbietern. „Das läuft“, freut sich Wagner.

Ebenso überzeugt ist er von der Einrichtung des Mittagstisches, der kurz darauf etabliert wurde. Hier können Menschen, die Kontakt suchen, zweimal die Woche zusammen Mittag essen. Und auch hier ist ein Ansprechpartner aus dem Diakonischen Werk vor Ort und kann bei Problemen vermitteln oder an die richtigen Beratungsstellen weiterleiten. „Das ist immer noch ein tolles Modell“, ist Wagner überzeugt.

In die 2000er Jahre fiel die Einrichtung des Diakoniefonds. Er unterstützt seither unverschuldet in finanzielle Not geratene Menschen schnell und unbürokratisch, etwa, wenn eine Frau mit Kind eine Erstausstattung für eine Wohnung benötigt, weil sie von ihrem gewalttätigen Mann weggezogen ist. Auch Kleinstdarlehen beispielsweise für Stromnachzahlungen oder Miete werden gewährt. Die Kirchengemeinden zahlen in den Fonds ein und verweisen Hilfesuchende an Heinz Wagner, der sie berät und gegebenenfalls über Zahlungen aus dem Fonds entscheidet. „Diese kleinen Hilfen können manchmal sehr wichtig sein“, weiß der Sozialarbeiter.

In den Anfang der 2000er Jahre fiel auch die Einführung der Hartz-IV-Gesetzgebung. „Da hatten wir viele Menschen in unseren Beratungen, weil die Behörden überhaupt keine praktischen Erfahrungen mit den Gesetzesanwendungen hatten“, erinnert sich der Sozialarbeiter. Bundesweit für Aufsehen sorgte sein Einsatz für eine Familie, bei der der Landkreis Rotenburg das Konfirmationsgeld der Kinder auf das Einkommen anrechnen wollte. „Sogar die damalige Bischöfin Margot Käßmann hat sich eingesetzt“, erinnert sich Wagner. Der Landkreis hatte dann letztlich seine Auffassung revidiert.

Das letzte große Projekt, das Heinz Wagner mit auf den Weg gebracht hat, war die Einrichtung der Rotenburger Tafel. „Tafeln gab es schon überall im Umkreis“, sagt Wagner. Dann kam er in Kontakt mit dem Rotarier Falk Lutosch, und die beiden brachten die Tafel in Rotenburg in Gang. Heute betreibt ein eigener Verein vier Ausgabestellen in Rotenburg, Scheeßel, Visselhövede und Sottrum.

Fünf Superintendenten waren während seines Arbeitslebens in Rotenburg Wagners Vorgesetzte. Vier Mal ist er mit seinem Büro umgezogen – von einem Kellerraum im Gemeindehaus der Stadtkirchengemeinde in die Mühlenstraße, dann in die Bahnhofstraße und zuletzt in das ehemalige Kirchenamt gegenüber der Stadtkirche. Viel hat sich verändert, das Diakonische Werk ist immer größer geworden und die Vernetzung mit anderen Anbietern immer besser. „Aber die Probleme für die Menschen sind nicht weniger geworden“, weiß Wagner. Deshalb wird die Sozialarbeit nach seinem Weggang weiterhin im Kirchenkreis von Bedeutung sein.

 

 

 

 

 

 

DATUM

26. Januar 2017

AUTOR

Anette Meyer
BILDER (1)
War mehr als drei Jahrzehnte Ansprechpartner für Hilfesuchende: Heinz Wagner