Predigten

Wie oft haben Sie schon beim Hören einer Predigt gedacht: "Das war ein guter Gedanke. Schade, dass ich nichts zum Schreiben dabei habe." Dem Wunsch, das gesprochene Wort zu Hause noch einmal in Ruhe nachlesen zu können, entsprechen wir auf dieser Homepage. Ausgewählte Predigten, die im Kirchenkreis Rotenburg gehalten wurden, werden auf diesen Seiten veröffentlicht.

Schauen Sie hinein, lassen Sie sich inspirieren und scheuen Sie sich nicht, zum Verfasser der Predigt Kontakt aufzunehmen, falls Sie noch Fragen oder Anregungen haben.

Natürlich sind Sie immer und jederzeit herzlich eingeladen, einen der vielen Gottesdesdienste in unserem Kirchenkreis persönlich zu besuchen. Ob Familiengottesdienste, musikalische Gottesdienste, Gottesdienste in anderer Form - die Möglichkeiten sind vielfältig, die Auswahl ist groß. Um Ihnen bei der Auswahl zu helfen, haben wir unter dem Menüpunkt "Veranstaltungen" einen Suchfilter eingebaut.

Datum
Titel
Name
Mo. 08.02.16
Predigt in Reimen mit I Kor 13, 1-13
Frank Hasselberg
Predigt in Reimen mit I Kor 13, 1-13

Predigt in Reimen mit I Kor 13, 1-13

Sonntag Estomihi, 7. März 2016

 

 

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel,

sie kommt und geht von einem zum andern.

Sie nimmt uns alles, doch sie gibt auch viel zuviel;

die Liebe ist ein seltsames Spiel.“

 

So heißt ein alter deutscher Schlager;

die Sängerin war ziemlich hager,

vielleicht hatte sie Liebeskummer

oder einen schlechten Schlummer.

 

Auch hier geht´s heute um die Liebe;

drauf reimt sich nicht nur „Hiebe“, „Triebe“!

Denn Liebe, die hat viele Seiten,

die Sorgen und auch Glück bereiten.

 

Ja, liebe Gemeinde, ich will´s wagen,

die Predigt mal im Reim zu sagen.

Ich bin gerne heut´ der Narr

in dieser bunten, munt´ren Schar,

 

darf ich doch auch mal Sachen sagen,

die man sonst sich nicht würd´ wagen.

Denn dem Narr´n vergibt man gern,

vor all´m dem Narren vor dem Herrn!

Drum laßt mich zetern und auch lästern,

geliebte Brüder, liebe Schwestern;

ich bitte jetzt schon um Pardon,

läuft mir einmal ein Reim davon.

 

Wir hörten schon den Text für heute -

1. Korinther, liebe Leute!

Und ich fragt´ mich Tag und Nacht:

Was hat sich Paulus nur gedacht?

 

Er stand im Leben, keine Frage,

und kannte nicht nur gute Tage.

Er kannte Glaube, Hoffnung, Liebe –

ach, wenn sie nur für immer bliebe!

 

Doch gibt´s im Leben auch finst´re Tage,

manch Ängste und mach böse Plage.

Auch diese waren ihm nicht fremd,

im Spiegel er sie jetzt erkennt.

 

So dacht´ ich: Schlaf erstmal ´ne Weile,

die Predigt, die hat keine Eile.

Und plötzlich wach ich auf und denk´:

Nun hab´ ich´s, was für ein Geschenk!

 

Das Stückwerk, von dem Paulus spricht,

ist nur auf diese Welt gericht´.

Aber Gott, der sieht viel weiter

als nur uns´re Lebensleiter.

Die Lieb´ ist stärker als der Tod,

wir sehen nur das täglich Brot.

Doch Leid und Sorgen gibt es eben,

c´est la vie, so ist das Leben!

 

Auch wenn wir´s gerne anders hätten,

am Leben hängen wie die Kletten,

gern bunt und heiter diese Welt:

Das Leben ist kein Zirkuszelt!

 

Drum feiern wir mal ausgelassen

und ziehen lärmend durch die Gassen

mit Masken und mit Narrenkappen

und riskieren uns´ren Lappen.

 

Wir schlagen gern über die Stränge

und sprengen dieses Lebens Enge,

die uns sonst so oft umgibt,

und lieben, was das Leben gibt.

 

Das Leid, das holt uns dann schon ein,

am Aschermittwoch soll es sein.

Da ist die Narrenzeit passé,

ich Jesus wieder leiden seh´.

 

Doch auch heute, ich vermute,

zieht so mancher eine Schnute.

Nicht jeder ist zum Scherz bereit,

auch unter uns hier gibt es Leid.

Manchen ruft es hin zum Grab,

weil der Liebste kürzlich starb.

Ein anderer ist nicht gesund,

sorgt sich um Katze oder Hund.

 

Der anderen fehlt gar das Geld,

und freut sich auch die ganze Welt,

so ist ihr Freude nicht beschieden,

weil Angst und Not im Magen liegen.

 

Ein anderer ist müd´ und traurig,

findet das ganze Leben schaurig

und macht sich nichts aus bunter Feier,

denn draußen lauern schon die Geier,

 

die nur auf das Ende warten

und dann ihren Freßzug starten.

Mancher hat auch Angst vor Kriegen,

sieht schon die Gefall´nen liegen.

 

Denn das Rüsten, das geht weiter;

wären sie auch sonst gern heiter:

Da vergeht uns wohl das Lachen,

was Uschi und die andern machen!

 

Große Politik – ach nee,

auch Angela ist bald passé.

Seehofers Horst macht sie´s nicht recht,

und schmutzig ist oft das Geschäft.

Da gibt´s Skandale und Skandälchen,

da gibt es Höhen, gibt es Tälchen,

Flüchtlingsströme ohne Ende,

oder kommt doch noch die Wende?

 

Die AfD wird immer frecher,

die Petry ist ein echter Brecher!

Nur ab und zu mal einen Schuß… -

Was redet diese Frau für Stuß!

 

So greift hinein in frohe Runde

auch manche leicht getrübte Stunde.

Noch einmal: Das ist unser Leben,

Gott selber hat es uns gegeben.

 

Wir trinken Wasser, trinken Wein –

doch das wird wohl nicht alles sein,

was uns im Leben ist bestimmt.

Denn Gott gibt es, und er nimmt.

 

So möcht´ ich in der Kirche drinnen

mich nochmal auf den Text besinnen,

den die Bibel uns heut´ schreibt

und der darum für immer bleibt.

 

Symbol für Hoffnung ist der Anker,

sie ist ein echter Seelentanker.

Das Kreuz hier für den Glauben steht,

der hält, wenn auch der Sturm mal weht.

Und dann die Liebe: echt das größte,

womit uns Gott von Sorgen löste.

Denn er selbst an Liebe dran is´,

sagt der 1. Brief Johannes.

 

Doch mancher denkt jetzt: Kleisterst du

mit diesem Wort nicht alles zu?

Liebe, das klingt schön, klingt herrlich,

aber sein wir doch mal ehrlich:

 

Sie ist nur ein Wort, wenn man

sie nicht wirklich spüren kann.

Also muß es tiefer geh´n,

als wir oberflächlich seh´n.

 

Und so ist´s: Mit allen Sinnen –

wahre Liebe kommt von innen! –

muß man sehen, fühlen, schmecken,

Liebe stets auf´s Neu entdecken.

 

Dann erst wird man auch erfahren,

was Paulus da hat aufgefahren:

Ohne Liebe wär ich nichts,

wäre nicht ein Kind des Lichts,

 

wär es finster hier im Herz,

wäre ich ein tönend Erz,

eine klingend´ Schelle nur,

ob in moll oder in Dur.

Wär´n prophetisch auch die Worte,

verpufften sie an jedem Orte.

Rede ich mit Engelszungen,

wär doch kein großer Wurf gelungen.

 

Glaube kann Berge versetzen,

Arme kann mein Gut ergötzen.

Aber ohne Liebe eben

kann es keinen Segen geben.

 

Ist die Liebe aber da,

sind wir Gott und Menschen nah,

dann hat sie die Qualitäten,

die wir gerne haben täten:

 

Sie hält lang und spricht für sich,

eifert, bläht und rechnet nicht.

Freut sich aber, glaubt und hofft,

duldet und verzeiht sehr oft.

 

Darum hört sie niemals auf,

endet auch der Lebenslauf.

So bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe –

ach, wenn es auch bei uns so bliebe!

 

Doch auch wer liebt, weiß um das Leiden,

das läßt sich oft gar nicht vermeiden.

Nicht ohne Grund reimt sich auf „Herz“

in vielen Schlagern gleich der „Schmerz“.

Auch Jesus kennt und spricht vom Leiden

und weiß, daß wir es gerne meiden.

Doch will er uns auch Stärkung schenken,

damit das Leiden wir bedenken

 

und lassen es in unser Leben,

denn so, wie´s kommt, so ist es eben.

Und wenn wir treu uns zu ihm halten,

als Christ den Alltag auch gestalten,

 

so ist das keineswegs vergeblich,

denn nur wer glaubt, der handelt redlich.

Wer Christus als den Herrn bekennt,

nur der den richt´gen Namen nennt.

 

Wir sind als Christen nicht gefeit

vor Tod und vor so manchem Leid,

doch sind wir gottlob nicht verloren,

weil Gott den Retter uns geboren.

 

War´s nicht an Weihnacht? Aber klar,

das feien wir doch jedes Jahr!

Das Kind, es blieb nicht in der Krippe,

es schenkt´ uns mehr als eine Rippe:

 

Sein Leben hat es nicht verschont,

doch hat das Opfer sich gelohnt!

So hat er uns das Heil erworben,

damit wir Menschen nicht verdorben!

So hat Christus am Kreuz gehangen,

ist durch den Tod hindurchgegangen;

zu Golgatha ist er gestorben

und hat das Leben uns erworben.

 

Er mußte leiden gleichwie wir,

davon zeugt dieses Kreuze hier.

Er ist gestorben und erstanden,

das Grab die Jünger leer vorfanden.

 

Nun ruft er uns allen zu:

Glaub an mich, ja glaub, auch du!

Im Glauben sollen wir es wagen,

vertrauensvoll das Kreuz zu tragen.

 

Er selbst reicht uns dazu die Hand

vom Kreuz herab, ist uns verwandt,

ist unser Herr und unser Bruder,

er reißt herum das Lebensruder.

 

Auch wenn´s mal stürmt und manchmal schneit,

zum Glauben seien wir bereit

ihm nachzufolgen, uns zu bequemen,

auch schwache Seiten anzunehmen.

 

So brauche ich die Maske nicht

vor diesem oder dem Gesicht.

Mich selbst verleugnen will ich nicht –

es nützt doch nichts vor dem Gericht!

Ich zeig nicht nur die besten Seiten,

will halt von Gott mich lassen leiten,

der mich kennt, so, wie ich bin,

denn das, das ist mein Hauptgewinn!

 

Ich weiß, was Dunkles in mir steckt,

Gott selber hat es längst entdeckt.

Und dennoch liebt er mich in allem,

hat an mir sein Wohlgefallen.

 

Unglaublich? Ja, und trotzdem wahr!

Und so will ich mich lieben gar

wie meinen Nächsten; dies Gebot

gab Jesus uns, trotz aller Not.

 

Das ist auch gar nicht so dramatisch:

Wer Jesus liebt, liebt automatisch

auch diesen Kerl von nebenan,

den niemand sonst recht leiden kann.

 

Will mich von Jesus leiten lassen.

Er weiß wohl Wege und weiß Straßen,

mich gut zu führen durch die Jahre,

gibt es auch manche grauen Haare.

 

Das Leben ist vorherbestimmt,

doch nur wer wagt, der auch gewinnt.

Und nur, indem wir ihm vertrauen,

auf Vater, Geist und Jesus bauen,

können wir getrost erwandern

das Leben, ein Jahr nach dem andern.

Wer mit Jesus sich verbindet,

sein Leben in ihm wiederfindet.

 

Denn was hülf´s dem Gotteskind,

wenn es gleich die Welt gewinnt,

aber leidet an der Seele

und das Leben so verfehle.

 

Nur wer Jesus folgt im Leide,

ist ein Christ und nicht mehr Heide.

Wer das Leben läßt für ihn,

den wird er auch zu sich zieh´n.

 

Unser ganzes Seelenheil

liegt bei Gott, für seinen Teil

hat er uns alles gegeben

für ein gutes, ew´ges Leben.

 

Der Paulus hat es wohlbedacht:

Die Liebe ist von Gott gemacht!

Drum er sie in die Mitte stellt,

sie ist´s, die uns zusammenhält.

 

Sie ist die größte aller Gaben,

da kann man nie genug von haben!

Die Liebe läßt das Herze beben,

ohne sie wär´s nur das halbe Leben.

So hat er sich uns selbst geschenkt,

ins Herz die Liebe eingesenkt.

Um diese Liebe geht es eben –

Sie ist kein Spiel, sie ist das Leben!

 

Dies also ist die frohe Botschaft,

die eine Linderung der Not schafft,

damit das Leben weitergeht

und man die Tage heiter lebt.

 

Zum Schluß sag ich es frei und frank:

Karneval - nein, vielen Dank!

Trotzdem hoff ich, daß dies heute

hat gefallen euch, ihr Leute!

 

Doch eines schlage ich euch vor:

Verschließt im Schrank nicht den Humor!

Geht nicht zum Lachen in die Kammer,

das wäre wohl ein echter Jammer!

 

Denn wenn der Alltag euch will schlauchen,

könnt ihr ihn ganz gewiß gebrauchen.

Für den, der an den Herrgott glaubt,

ist Lachen allezeit erlaubt.

 

Daß er uns die Güte gibt,

mit der Gott uns alle liebt,

bitten wir in Jesu Namen,

darum sage ich jetzt: Amen!

KONTAKT

Frank Hasselberg

Arbeitsbereiche im Kirchenkreis: 
Öffentlichkeitsarbeit
Arbeitsbereich in der Kirchengemeinde: 
Pastor/-innen
Frank
Hasselberg
Pastor, Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis
Schneverdinger Straße 14
29640
Schneverdingen
Tel.: 
(05193) 4130
Do. 23.07.15
Der Rote Faden im meinem Leben, Bürgerkanzel…
Bürgerkanzel
Der Rote Faden im meinem Leben, Bürgerkanzel der Stadtkirchengemeinde am 7. Juni, Andreas Weber

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Liebe Gäste dieses Gottesdienstes in unserer Stadtkirche,

vor knapp einem halben Jahr wurde ich durch Pastorin Krüger gefragt, ob ich auch einmal eine Bürgerkanzelpredigt halten wolle und habe sofort gerne zugesagt. Ich freue mich, dass zu diesem Gottesdienst so viele gekommen sind.

So stehe ich jetzt hier und möchte Ihnen etwas über den „Roten Faden in meinem Leben“ berichten.

Viele werden sich jetzt fragen: Welchen Roten Faden meint er denn und was soll das bedeuten? Das möchte ich Ihnen gerne erklären.

Ich habe Ihnen hier ein 2m langes Stück Seil mitgebracht. Es ist sehr flexibel, sehr reißfest, lässt sich gut knoten, liegt gut in der Hand und kann als Gebrauchsgegenstand viele Dinge miteinander verbinden und hat damit eine wichtige Funktion. Man muss sich auf dieses Seil verlassen können, dass es vor allem hält. Bei Bergsteigern und im Rettungsdienst hängt häufig sogar das eigene Leben von der Reißfestigkeit eines solchen Seiles ab.

Woraus besteht nun dieses Seil, dass es solche eine Kraft und verbindende Funktion hat? Es besteht zunächst aus vielen einzelnen Fasern, die dann zu 8 Faserbündeln zusammengelegt und schließlich wiederum miteinander verflochten sind, die ihm insgesamt die Stabilität und Reißfestigkeit geben.

Durchsetzt ist dieses Stück Seil aber mit einem roten Faden, der immer wieder aus dem Geflecht herausragt, dann wiederum im Verborgenen bleibt, dem Seil insgesamt auch seine Festigkeit gibt … Wenn er fehlen würde, würden alle anderen Fäden instabiler werden, etwas weniger Halt haben und auch nicht solch eine hohe Reißfestigkeit haben. Weiterhin gibt der rote Faden dem Seil neben der Stabilität auch ein schöneres Aussehen, sonst wäre das Seil doch schon ganz schön langweilig. Außerdem gibt er auch die Richtung der Verflechtungen an, für alle Fäden insgesamt in diesem Seil.

 

Was hat dieses Bild - dieses Seil - aber mit meinem Leben zu tun?

Auch mein Leben besteht aus vielen einzelnen Fäden, in meiner Jugend, Erziehung, viele Erfahrungen mir mitgegeben von meinen Eltern, den Freunden, dem Leben im Sportverein – ob beim Fußball-, Basket- oder Handball, in der evangelischen Jugend, in der Schule, im Beruf, in der Familie, mit den Kindern und schließlich mit den Enkelkindern. Alles einzelne Fäden, die miteinander verbunden und durch die unterschiedlichsten Verflechtungen ihre Flexibilität und Belastungsfähigkeit erhalten. Durchsetzt mit einem roten Faden, der in meinem Leben nicht durchgängig da ist, sondern immer wieder auftaucht in meinem Leben, den einzelnen Fäden Halt gibt und auch- wenn er offensichtlich einmal nicht zu erkennen ist, trotzdem vorhanden ist.

Dieser rote Faden in meinem Leben ist der christliche Glaube, der sich bei mir am ehesten an dem Bibelspruch, 1. Korinther, Kap. 13, Vers 13 festmacht. „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei; am größten aber unter diesen ist die Liebe!“

Diese drei Elemente des christlichen Glaubens haben mein Leben immer wieder geprägt, geprägt vor allem auch hier in der Stadtkirche. Hier bin ich getauft worden, hier habe ich als Jugendlicher mit dem damaligen Pastor Michael-Peter Stegen schon gemeinsam meine Konfirmation gefeiert, habe Kindergottesdienste selbst mit vorbereitet und gehalten, habe Familiengottesdienste gestaltet, in der evangelischen Jugend meine große Liebe und jetzt seit 36 Jahren Ehefrau Claudia kennengelernt, mit der ich schließlich hier kirchlich getraut wurde. Der damalige Trauspruch wurde uns von Michael-Peter Stegen empfohlen - raten Sie einmal welcher es war: 1. Korinther, Kap. 13, Vers 4-7: Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht auf, sie stellt sind nicht ungebärdig, sie suchet nicht das ihre, sie lässt sich nicht erschüttern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeiten, sie freuet sich aber der Wahrheit. Sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.

Auch alle unsere drei Kinder wurden hier in der Stadtkirche getauft und schließlich hier konfirmiert. Eine anschauliche Verbindung über dieses ehrwürdige Gotteshaus zu der Stadtkirchengemeinde und dem christlichen Glauben, besser lässt es sich kaum verdeutlichen.

Doch bin ich selbst eigentlich kein so entschieden glaubender Mensch, sondern immer wieder zaudernd, bei so vielen menschlichen Katastrophen, die ich auch in meinem 38jährigen Berufsleben bei der Polizei in Bremen habe erleben müssen. Wo ich mich immer wieder gefragt habe: Warum lässt Gott, wenn es ihn gibt, so etwas zu? Warum können die Menschen nicht vor so viel Verzweiflung, tragischen Verlusten, Streit untereinander, den vielen körperlichen und seelischen Verletzungen, die sie sich gegenseitig beibringen, nicht bewahrt werden. Eine Antwort darauf fällt uns allen wohl sehr schwer.

Andererseits gibt es auch viele andere Dinge, die mich immer wieder in meinem brüchigen Glauben bestärkt haben. Dass ich in unserem Gemeindehaus meine liebe Frau kennenlernen durfte, dass wir drei tolle Kinder haben bekommen dürfen. Das Wunder zu erfahren, wenn zwei Zellen mit ihren Erbinformationen zusammenkommen, daraus durch die abermillionenfache Zellteilung ein menschlicher Organismus entsteht, der in seiner Kompliziertheit kaum zu überbieten ist, Millionen von Funktionen darin enthalten sind, die aufeinander abgestimmt sind, um gemeinsam funktionieren zu können, Bewegungen zu erzeugen, zu wachsen, Intelligenz entwickelt, lernen kann, Beziehungen pflegen kann, Emotionen produzieren kann und sich schließlich sogar fortpflanzen kann, dass die Menschheit durch Kinder und Kindeskinder weiter leben kann. Wehe, wenn nur die kleinste Funktion ausfällt, ein Defekt vorhanden ist, schon bricht dieses so wunderhafte aber auch instabile Konstrukt zusammen.

Ist es möglich, dass dieses alles so funktioniert, ohne dass es einen Gott gibt, ohne dass es einen gibt, der schützend die Hand über uns hält, uns vor gefährliche Aktionen bewahrt, der uns leitet und uns zu einem Guten führt, der uns einen roten Faden für unser Leben liefert?

In unserem Gott, unserem Herrn und seinem Sohn Jesus Christus habe ich diese Orientierung für mein Leben gefunden, die mich anhält und auffordert, mich für mehr Gerechtigkeit, der Förderung des Miteinanders, für Familien, dem Schutz von benachteiligten Menschen, für die Integration von Fremden und vielen weiteren erstrebenswerten Zielen einzusetzen.

Immer wieder gab es sogenannte „Zufälle“ in meinem Leben, die mich in meinem zögerlichen Glauben bestärkten, wieder an Gott zu glauben, wovon ich Ihnen gerne berichten möchte:

denn genau - wie vielleicht auch bei Ihnen - gab es in meinem Leben entscheidende Weichenstellungen, die Veränderungen zur Folge hatten, ohne die es eine so positive Entwicklung in meinem Leben nicht gegeben hätte.

Häufig waren es sogar Krisen, aus denen die Chance auf eine Veränderung entstanden:

Von den vielen Beispielen möchte ich Ihnen in drei exemplarischen Fällen in aller Kürze berichten:

Erstens: War es ein Zufall, dass ich meine Frau damals in der evangelischen Jugend traf, die zufällig bei der Silvesterfeier auftauchte, gerade durch einen Freund angesprochen worden war, erstmalig auch daran teilzunehmen, sonst aber niemals Zugang zu uns gefunden hatte? Sie hat schließlich das Lebensglück für mich mitgebracht, gemeinsam glücklich leben zu können, gemeinsam Ziele zu verwirklichen, eine Familie zu gründen und aufzubauen, mir Stabilität zu geben und in Momenten der Not zu helfen, sich ansonsten immer mit mir einfach nur gemeinsam zu freuen.

Zweitens: War es Zufall, dass meine Frau und ich vor über 6 Jahren gemeinsam als Fußgänger auf der Ärztehauskreuzung von einem Pkw angefahren wurden, schwerverletzt – ich mit kaputtem Knie und meine Frau mit 3 Halswirbelbrüchen – nur wenige Meter voneinander auf dem Asphalt liegen bleiben mussten, beide ins Rotenburger Krankenhaus eingeliefert wurden, dort eine unheimlich herzliche und erfolgreiche Behandlung durch Prof. Schulte und Prof. Kolenda erhielten, dass wir weitestgehend wieder hergestellt wurden, als wenn nichts passiert gewesen wäre. War es dabei ein Zufall, dass mein Polizeipastor Peter Walther meine Anordnung , dass uns in den ersten Tagen niemand besuchen solle, nicht befolgte, sondern wie er sagte: er nur einen Chef habe, auf den er hören müsse, das sei der liebe Gott und der sage ihm, dass er uns besuchen solle, uns gemeinsam mit Pastor i.R. Hans Willenbrock und den damaligen Krankenhausseelsorger Martin Gerner-Beuerle sowie Rolf Hirte eine solche seelisch unterstützende Begleitung mit Andachten und gemeinsamen Gebeten gab, dass wir uns wieder vollkommen erholen konnten und zumindest seelisch kein Schaden zurückgeblieben ist, wir vielmehr den Eindruck gewonnen haben, dass wir dadurch psychisch stärker geworden sind.

Ist es dann auch in der Folge ein Zufall, dass wir aus unserem Gefühl der Dankbarkeit gegenüber unserem Beschützer noch an Krücken laufend und Halskrause tragend hier in die Stadtkirche kamen und Pastor Michael Alex gerade über den ungläubigen Thomas predigte und uns von dieser Kanzel herab dann persönlich begrüßte, dass auch zwei Menschen wieder unter ihnen seien, die gerade die Erfahrung gemacht hätten, dass es einen großen Schutzengel gibt, und uns aus dem Johannesevangelium mit auf den Weg gab:

Kapitel 20/ Vers 29) „Und Jesus sprach zu Thomas: „Weil du mich gesehen hast, hast Du geglaubt. Selig sind die, welche nicht sehen und doch geglaubt haben.“ Und Pastor Alex ergänzte sinngemäß: Seien Sie wieder herzlich willkommen in unserer Gemeinde!

Wir hatten Tränen in den Augen, so gerührt waren wir gewesen.

War es drittens und schließlich später ein Zufall, dass vor ca. 4 Jahren um diese Zeit herum kurz nach dem Tod meines Vaters, also in einem Moment, wo man sich als Sohn ohnehin auch viele ernsthafte und dankbare Gedanken um die erlebte Vergangenheit und um die persönliche Zukunft macht, dass unser Freund und Stadtratsabgeordnete Gilberto Gori mich bei Sonnenschein auf dem Rotenburger Wochenmarkt vor dem Rathaus ansprach, ob ich nicht einmal für die Kommunalwahl für den Stadtrat kandidieren wolle. Ich sagte spontan zu und wurde mit nicht geahnten vielen Stimmen gleich direkt in den Stadtrat gewählt.

Viele Zweifel hegten sich anschließend, ob das alles richtig war, neben der aufreibenden Leitung des Landeskriminalamtes in Bremen, mich so sehr in Rotenburg in die Politik einbinden zu lassen, gerade als es auch von Monat zu Monat immer mehr in Gedanken in Richtung einer Bürgermeister-Kandidatur ging. Da habe ich immer wieder auch den Weg hier in die Stadtkirche gesucht, um vielleicht doch einen guten Rat oder Hinweis zu bekommen.

Als eines Tages durch den damaligen Superintendenten Hans-Peter Daub das Pastoren-Ehepaar Heide und Uwe Keilhack verabschiedet wurden, er damals davon sprach, dass man einfach den Mut fassen müsse, einmal etwas völlig Neues machen zu müssen, zu dem man sich berufen fühle, - in meinen Gedanken: so wie es die Jünger von Jesus damals auch getan hätten - dann lägen darin für den betroffenen Menschen große Chancen, sein Leben vollkommener zu gestalten, auch wenn es für ihn immer ein etwas größeres Risiko gäbe, als wenn man diesen Veränderungsschritt nicht ginge.

Ich war mir anschließend sicherer, dass der Weg für mich und meine Frau der richtige sei, auch wenn er viel Ungewisses mit sich bringen würde. Ich wusste, dass wir nicht alleine gehen müssten, sondern auch mit Gottes Hilfe und Begleitung gehen werden. Immer wieder, wenn ich in wichtigen Situationen, an sogenannten Weichenstellen stand, konnte ich mich zurückfallen lassen, mich besinnen auf meinen Glauben an Jesus Christus, von ihm und seinem Vorbild lernen, bekam Hilfestellungen und Ratschläge, die mich in meiner Entscheidungsfindung für mein persönliches Leben als segensreich empfinden konnte.

Für eine gewisse Zeit waren meine Zweifel an der Existenz Gottes wieder etwas weniger groß.

„Glaube, Hoffnung und Liebe sind die drei, am größten aber unter diesen ist die Liebe.“

Diese drei Glaubenssäulen sind der rote Faden durch mein Leben, ein roter Faden, der mir Hilfe, Stabilität, Orientierung und vor allem Sicherheit gegeben hat.

Geradezu, wie in diesem Stück Seil - der rote Faden gibt dem Seil und all seinen Fäden Struktur, Stabilität und damit eine größere Reißfestigkeit und Belastbarkeit gibt, ja insgesamt dem Seil auch etwas mehr an Schönheit, an Ästhetik.

Und Jesus sprach zu Thomas: Weil Du mich gesehen hast, hast Du geglaubt. Selig sind diejenigen, welche nicht sehen und doch geglaubt haben!

Für Sie alle habe ich zur Erinnerung an den Roten Faden in meinem Leben ein Stück von diesem Seil mitgebracht und möchte Ihnen am Ende dieses Gottesdienst am Ausgang der Stadtkirche solch ein Stück von meinem Roten Faden mitgeben, vielleicht haben auch Sie solch einen roten Faden in Ihrem Leben gefunden oder finden ihn noch, der Ihnen Halt, Sicherheit und Orientierung gibt. Gegebenenfalls haben Sie auch noch Zeit, sich mit mir und Frau Superintendentin Briese nach dem Gottesdienst bei einer Tasse Kaffee gemeinsam zu unterhalten.

Ich freue mich darauf und lade Sie dazu gerne ein.

 

Andreas Weber,

Bürgermeister der Stadt Rotenburg

 

KONTAKT

Bürgerkanzel

Bürgerkanzel
Di. 14.07.15
Suchet der Stadt Bestes, Bürgerkanzel der…
Bürgerkanzel
Suchet der Stadt Bestes, Bürgerkanzel der Stadtkirchengemeinde am 14. Juni, Karsten Müller-Scheeßel

Liebe Gemeinde!

 

Hier unterhalb der Kanzel habe ich 1953 – 1955 Sonntag für Sonntag als Konfirmand gesessen. Ruth Stalmann, die gestrenge Tochter des damaligen Superintendenten, kontrollierte die Anwesenheit. Hier halfen Gerd Janssen, Sohn des Oberkreisdirektors, und ich Pastor Fridolin Pfarr, dass die Konfirmandenprüfung nicht zu einer Blamage für Konfirmanden und Pfarrer wurde. Hier vor diesem Altar wurde ich als Konfirmand eingesegnet. Dass ich einmal auf dieser Kanzel stehen würde, war nicht vorgesehen, nachdem ich dem Rat Pastor Pfarrs an meine Eltern nicht gefolgt war, nämlich selbst Pastor zu werden. Ich gestehe jedoch, dass ich der Bitte Pastorin Krügers ohne langes Überlegen und gern entsprochen habe, heute von der Kanzel aus das Wort an Sie zu richten.

„Suchet der Stadt Bestes“ aus Jeremia 29 ist ein nicht ganz selten gewählter Predigttext. Aus einer ganzen Reihe von im Internet veröffentlichten Predigten hätte ich mir eine weitere zusammenkupfern können. Das jedoch entspricht nicht Ihren Erwartungen und nicht meinem eigenen Anspruch.

Der Predigttext gehört in das sechste vorchristliche Jahrhundert. Der babylonische König Nebukadnezar hatte Israel mit Jerusalem erobert und die Oberschicht des Volkes Israel in die Gefangenschaft nach Babylon geführt. Die Atmosphäre unter den Gefangenen wird von Trauer, Resignation, Heimweh und Selbstmitleid geprägt gewesen sein. Mit der Dauer der Gefangenschaft wird die Hoffnung auf baldige Rückkehr gesunken sein.

In dieser Situation wendet sich der Prophet Jeremia mit einem Brief an sie: „ So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin. Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte. Nehmt euch Frauen, und zeugt Söhne und Töchter. Nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären. Mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn. Denn wenn ihr’s wohl geht, so geht’s auch euch wohl.“

Kein Wort des Trostes, sondern eine unmissverständliche Aufforderung, sich in Feindesland einzurichten, und mehr noch, sich aktiv für das Wohl dieser Stadt, dieses Landes einzusetzen, für die Stadt und die in ihr lebenden Zwangsherren gar zu beten. Und dann die Behauptung des Propheten, dass es ihnen selbst wohl gehen würde, wenn sie so handelten. War das nicht eine Zumutung eines von allen guten Geistern verlassenen Propheten?

Ich will mich dem Text in zwei Schritten nähern. Erstens: Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn. Zweitens: Wenn es der Stadt wohl geht, so geht’s euch auch wohl.

Suchet der Stadt Bestes und betet zum Herrn!

Überall dort, wohin uns unser Lebensweg führt, sollen wir uns einrichten, uns tätig und betend dem Gemeinwesen zuwenden, in dem wir leben. Und das ganz gleich, ob wir, wie in unserem Text, gegen unseren Willen als Gefangene unter Fremden oder von jeher dort leben. Ganz gleich auch, ob wir mit einer fremden Kultur und Sprache konfrontiert sind oder zu den dort lebenden Einheimischen gehören.

Versetzen wir uns in unsere Zeit und in unser Land, dann liegt der Bezug auf die vielen Flüchtlinge und Asylbewerber, die in unserem Land eine menschenwürdige Existenz und häufig eine neue Heimat suchen, nahe. Sie sind zwar nicht als Gefangene, aber eben auch nicht freiwillig hier. Bittere materielle Not, politische, ethnische und religiöse Verfolgung haben sie aus ihren Heimatländern aufbrechen lassen. Ist es da nicht eine Zumutung zu erwarten, dass sie sich für das Wohl unseres Gemeinwesens einsetzen? Haben sie nicht ganz andere Sorgen? Selbstverständlich haben sie sie. Da sie jedoch gekommen sind, um in unserem Land einen neuen Anfang in eine hoffentlich bessere Zukunft zu machen, müssen sie neben vielen kleinen und größeren Hilfen, die sie erhalten und brauchen, von sich aus aktiv werden. Sie müssen ihr Leben in die eigene Hand nehmen, so wie sie das mit Verlassen ihrer Heimat bereits getan haben. Sie müssen sich mit den kulturellen Gepflogenheiten bei uns bekannt machen, ohne sie zu übernehmen, und sie müssen unsere Sprache so schnell wie möglich lernen. Das ist ihr erster und vielleicht wichtigster Beitrag für das Wohl unseres Gemeinwesens. Erst der Spracherwerb lässt mich teilhaben am Leben im neuen Gemeinwesen. Erst dann gehöre ich dazu in der Nachbarschaft, in der Schule, im Verein, am Arbeitsplatz, wenn ich denn endlich eine Arbeitsgenehmigung bekommen haben sollte. Wenn ich mich verständlich machen kann, kann mir auch eher geholfen werden. Ja, das Erlernen der deutschen Sprache tut unserem Gemeinwesen gut. Gegenseitiges Verständnis ist Voraussetzung für ein möglichst konflikt- und spannungsarmes Zusammenleben von Menschen allgemein und besonders von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Spricht man unterschiedliche Sprachen, kann man nicht kommunizieren. Missverständnisse und Isolierung und daraus resultierende Vorurteile schießen ins Kraut.

Am Mittwoch der vergangenen Woche wurde im regionalen Fernsehen über einen Jugendlichen berichtet, der im Februar als Flüchtling mit seiner Familie aus Syrien nach Hamburg-Bergedorf gekommen war. Da die Familie zunächst in Zypern gelandet war, soll die Familie dahin zurückgeführt werden. Das stößt auf heftigen Widerstand der Fußballmannschaft sowie der Schule des Jungen. Der Junge kann nicht nur gut Fußball spielen, sondern er hat erstaunlich schnell Deutsch gelernt. Der Junge tut offensichtlich seiner Fußballmannschaft und seiner Schule gut. Ohne den erstaunlich schnellen Spracherwerb ist es kaum denkbar, dass sich sein Umfeld so für ihn und seine Familie einsetzt.

Ob Cem Oezdemir, Dunja Hajali, Mesut Özil, Gilberto Gori und Ärzte am Diakoniekrankenhaus, um hier in Rotenburg zu bleiben: Die Beherrschung der deutschen Sprache ist die Eingangspforte zur Integration und dazu, sich für das Wohl unseres Gemeinwesens überhaupt erst einsetzen zu können.

Ich verstehe unseren Predigttext jedoch auch so, dass nicht nur Fremde der Stadt Bestes suchen sollten. Wir, die hier Geborenen und Lebenden, sind aufgefordert, sich mit ihren individuellen Gaben und Fähigkeiten für die Gemeinschaft, unsere Dörfer und Städte, unser Land einzusetzen. Die Lebensqualität hängt landauf landab entscheidend vom ehrenamtlichen Engagement von uns Bürgern ab. Für uns selbst und für einen demokratischen Staat, der seinen Bürgern großen gestalterischen Freiraum für eigene Aktivitäten lässt, wäre es ein großer Verlust, wenn diese Freiräume nicht genutzt würden. Denken Sie einmal einen Augenblick darüber nach, welche ehrenamtlich geführten Einrichtungen, Initiativen und Vereine für Sie einen Mehrwert bedeuten, und stellen Sie sich vor, dass es alle diese für Sie wichtigen Dinge und Veranstaltungen nicht gäbe. Ich denke, das möchten wir uns nicht einmal vorstellen.

Auf zwei ehrenamtliche Tätigkeitsbereiche möchte ich etwas näher eingehen, die kommunalpolitische und die kirchliche.

Wir alle wissen, dass die politischen Parteien Schwierigkeiten haben, geeignete Persönlichkeiten zu finden, die bereit sind, mit oder ohne Parteibuch für unsere Stadt- und Gemeinderäte und die Kreistage zu kandidieren. Das gilt in der Regel auch für die Mehrheit derjenigen Menschen, die sich in Bürgerinitiativen gegen neue Baugebiete, Massentierhaltung, Fracking, eine neue Stromtrasse u.a. organisieren. Häufig sind es persönlich Betroffene. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber für auf Dauer einer Legislaturperiode oder länger angelegten politischen Einsatz sind sie nur schwer zu gewinnen. Und seien wir ehrlich, kommunalpolitische Tätigkeit ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Im Gegenteil. Was müssen unsere Ratsfrauen und Männer sich an Beschimpfungen und herabsetzender Kritik in Leserbriefen oder inzwischen längst auch anonym im Netz gefallen lassen. Denken Sie nur an den Leserbrief gegen Bürgermeister Andreas Weber, der sich zum Kita-Streik um eine ausgewogene, die Interessen aller Beteiligten berücksichtigende Stellungnahme bemühte. Eine Kreistagsabgeordnete erzählte mir, dass sie nach einer Äußerung anlässlich einer Podiumsdiskussion zur Frage der Schließung des Zevener Krankenhauses mit einem wahren Shitstorm überzogen worden sei. Dabei hatte sie nur gesagt, dass sie nicht hoffe, dass man im Falle eines Weiterbetriebs des Hauses, in wenigen Jahren wieder über das gleiche Thema diskutieren müsse. Überzogene, unmäßige und unsachliche Kritik müssen sich also längst nicht mehr nur unsere Landes- und Bundespolitiker bieten lassen. Die werden wenigstens mehr oder weniger leidlich bezahlt. Unsere Ratsfrauen und Herren erhalten lächerliche Aufwandsentschädigungen und opfern neben ihrer beruflichen Tätigkeit eine Menge Zeit. Für uns, für unser Gemeinwesen. Sie haben zumindest unseren Respekt verdient. Grundsätzlich sollten sie bei aller berechtigten Kritik von uns unterstützt und ermutigt werden. Auch ein Lob oder Dank und das über Parteigrenzen hinweg kann nicht schaden. Unser demokratisches Gemeinwesen, dem bei Wahlen immer mehr Bürgerinnen und Bürger gleichgültig bis abweisend gegenüberstehen, würde schlimmen Schaden nehmen, wenn wir zu wenige geeignete Menschen für kommunalpolitische Aufgaben fänden. Auch unsere häufig als Feierabendpolitiker herabgesetzten Abgeordneten in Dörfern und Städten suchen der Stadt Bestes, damit es uns wohl geht. Dass es bei der Frage, was denn das Wohl der Stadt sei, kontrovers zugehen kann, ist normal. Auch Kommunalpolitik ist schließlich das Ringen um einen für eine möglichst große Mehrheit akzeptablen Kompromiss.

Mit ehrenamtlicher Arbeit im kirchlichen Bereich bin ich auf unterschiedlichen Ebenen vertraut. Sechs Jahre Kirchenvorstand, 12 Jahre Landessynode, mehr als 20 Jahre Kuratorium und Aufsichtsrat in unserem Diakoniekrankenhaus und seit 2008 Vorsitzender der Scheeßeler St.-Lucas-Stiftung haben mir vielfältige Einblicke in kirchliche Strukturen vermittelt. Verglichen mit anderen gesellschaftlichen Bereichen kann sich die Kirche unter dem Strich über mangelndes ehrenamtliches Engagement, so mein Eindruck, nicht oder noch nicht beklagen. Gemeindeglieder für längerfristige Aufgaben, wie das sechsjährige Amt des Kirchenvorstehers, zu gewinnen, ist auch bei uns schwerer geworden. Gott sei dank sind viele bereit, projektbezogen mitzuarbeiten. Wir alle wissen aber, dass attraktive Gemeindearbeit bei rückläufigen finanziellen Mitteln nur durch ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufrecht zu erhalten ist. Und da, so meine Erfahrung, muss Kirche lernen noch sorgsamer mit Ehrenamtlichen und besonders ihrer Zeit umzugehen. Wenn wir nicht nur Rentnerinnen und Rentner, sondern auch aktiv im Beruf stehende Menschen für die Mitarbeit bei uns begeistern wollen, muss die Gremienarbeit auf das Notwendigste reduziert werden. Straffes Arbeiten und Zeitmanagement habe ich in den Gremien des Diakoniekrankenhauses kennengelernt. Um ein solches bemühe ich mich sehr in unserer Scheeßeler Stiftung, die nur dreimal jährlich für eine bis maximal anderthalb Stunden tagt und trotzdem sehr effizient arbeitet. Die monatlichen Kirchenvorstandssitzungen dagegen in den 80er Jahren dauerten bisweilen bis Mitternacht. Und in der Synode ging es flott erst in der letzten Sitzung zu, wenn alle nach Hause drängten. Mein unmaßgeblicher Rat: Reduzieren wir die Zahl der Gremien, die Zahl der Sitzungen und deren Dauer. Qualifizierte Mitarbeiter lassen sich sonst noch schwerer gewinnen.

Lassen Sie mich noch eine kritische Anmerkung zur zeitraubenden Gremienarbeit machen. Unsere Hauptamtlichen drohen, so mein Eindruck, darin zu ersticken. Zumindestens treffe ich Diakone und Pastoren viel zu selten in ehrenamtlicher Arbeit außerhalb des innerkirchlichen Raumes an. Weil unsere Sonntagsgottesdienste in der Regel nur noch schwach besucht werden, ist auf Synoden-, Ephoren- und Pastorentagungen und in entsprechenden Handreichungen immer wieder die Rede davon, dass unsere Kirche eine die Menschen aufsuchende sein solle und müsse. Wäre es nicht ein Gewinn für unsere Kirche, wenn wir hauptamtlichen Kirchenmitarbeitern in Vorständen von Sportvereinen, beim Roten Kreuz, in Schulvorständen, beim Nabu oder anderswo begegnen würden. Dort wo sich Menschen engagieren. Ich denke, es lohnt sich darüber nachzudenken, dafür die innerkirchliche Gremienarbeit zu verschlanken.

Wenn es der Stadt wohl geht, dann geht’s auch euch wohl

Es bedarf keiner ausführlichen Erläuterung, dass es uns auf den ersten Blick gesehen besser geht, wenn wir in einem wirtschaftlich florierenden Ort leben. Die sog. Infrastruktur ist dann in der Regel intakt: Schulen und Kindergärten sind gut ausgestattet, Sportplätze, Frei- und Hallenbäder vorhanden, La Strada, kulturelle Veranstaltungen vielfältiger Art und Sportvereine werden finanziell unterstützt, Straßen und Fahrradwege sind gepflegt. Aber die Atmosphäre, das Miteinander in der Stadt sind davon nicht allein abhängig. Sie werden von den Menschen bestimmt, die in ihr leben, wirken und gestalten und auch davon, wie sie z.B. hier in Rotenburg mit Behinderten und mit Fremden umgehen. Wenn die Israeliten in babylonischer Gefangenschaft sich für das Beste der Stadt einsetzen, aber mit allen Aktivitäten bei der einheimischen Bevölkerung auf Ablehnung stoßen, dann kann es ihnen nicht wohl gehen. Dazu gehören immer beide Seiten.

Dass unsere Gemeinwesen an Qualität gewinnen, wenn Fremde wie Einheimische sich ehrenamtlich einsetzen und einbringen, ist für Jeden von uns aus eigenem Leben nachvollziehbar. Was wäre Rotenburg ohne den Kirchenmusik- und den Konzertverein, ohne die Kulturinitiative, die Sportvereine, das Wirtschaftsforum, die Lions, Leas und Rotary, die Tafel, Arbeitskreis Asyl oder Nabu? Hinter allen Institutionen und Initiativen stehen Menschen, die die Stadt und das Leben in ihr lebenswert machen und dafür keine Entschädigung erhalten.

Haben diese ehrenamtlich tätigen Menschen gar nichts davon? Doch sie haben. Es geht ihnen nicht nur wohl, weil sie dazu beitragen, dass es der Stadt wohl geht, sondern für ihren ehrenamtlichen Einsatz werden sie in ganz eigener Weise belohnt. In welcher Weise, das möchte ich am Beispiel meiner eigenen vielfältigen ehrenamtlichen Tätigkeit verdeutlichen. Ehrenämter haben mich von Beginn meiner beruflichen Tätigkeit an begleitet: Im Sport, in der Kirche, im evangelischen Schulbund, dem die Eichenschule viele Jahre angehörte, und noch heute als Archivar meiner Heimat Scheeßel. Alle Tätigkeiten haben mein Leben bereichert, haben es neben einem erfüllenden Beruf ein Stück abwechslungsreicher und spannender gemacht. Ich habe eindrucksvolle Menschen kennengelernt, denen ich sonst nicht begegnet wäre. Ich habe über meinen Beruf hinaus viel dazugelernt.

Liebe Gemeinde, so meine ich, dass „suchet der Stadt Bestes“ eine zutiefst demokratische und christliche Forderung an uns ist. Gerade als Christen sind wir gehalten, uns in die Gesellschaft einzubringen und einzumischen, damit sie lebenswert und demokratisch bleibt. Meinem Herrn bin ich dankbar, dass ich versuchen darf, dazu mit den mir geschenkten Gaben beizutragen.

Amen

 

 

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Bürgerkanzel

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Mo. 18.05.15
Da berühren sich Himmel und Erde
Yorick Schulz-Wacker…
Da berühren sich Himmel und Erde

Es gibt Dinge im Leben, die sollten gefeiert werden: Es wäre traurig, wenn wir einen Geburtstag nicht zum Anlass nähmen, einem lieben Menschen zu sagen: „wie schön, dass du geboren bist!“ Es wäre schade, wenn wir einen Hochzeitstag verstreichen ließen, ohne uns daran zu erinnern, wie die große Liebe einst begann. Wir brauchen Feiertage, um uns das, was uns wichtig ist, immer wieder vor Augen zu führen. So auch am Feiertag vor zwei Tagen: „Papa, ich hab dich lieb! Du bist der beste Vater der Welt!“ Auch der Vatertag bietet uns einen Anlass, um das, was uns sonst schwer über die Lippen kommt, zum Ausdruck zu bringen – vielleicht mit einer Karte oder mit einem Geschenkgutschein für den Baumarkt. Donnerstag war aber nicht nur Vatertag. Der eigentliche Grund, warum wir am Donnerstag nicht zur Arbeit mussten, ist ein anderer: Himmelfahrt. Aber was wird da eigentlich gefeiert und warum ist uns das so wichtig, dass wir diesen Tag nach wie vor als gesetzlichen Feiertag schützen?

Anlass von Himmelfahrt ist das Ende der Geschichte des Menschen Jesus auf der Erde: „Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel“. So lautet der vorletzte Satz in der Geschichte von Jesus, wie sie der Evangelist Lukas aufgeschrieben hat. Jesus hatte Menschen erzählt, dass Gott, der die Liebe ist, mitten unter uns Menschen zu finden ist. Er hatte Menschen gezeigt, dass wir zu mehr fähig sind als Neid, Hass und Gewalt. Gott ist es, der uns zur Rücksicht, zum Mitgefühl und zur Hingabe für unseren Mitmenschen befähigt. Aus dieser Botschaft haben Menschen Heilung und Heil erfahren und Kraft und Hoffnung geschöpft. Mit dieser Botschaft passierte „Himmlisches“ mitten in den Dunkelheiten menschlicher Existenz. Jesus war ein Lichtblick, ein Blick in den Himmel. Mit seiner Botschaft der Liebe berührten sich Himmel und Erde. Seine Himmelfahrt veranschaulicht diese Verbindung der „Welten“. Der Feiertag Himmelfahrt ist ein Anlass, mit Dankbarkeit an eben jene Berührungspunkte zwischen Himmel und Erde im Leben zu denken: „wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden, wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken, dass Frieden werde unter uns.“ Gut, dass es diesen Feiertag gibt!

 

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Yorick Schulz-Wackerbarth

Yorick
Schulz-Wackerbarth
Vikar in der Kirchengemeinde Fintel
So. 28.04.13
David vor Saul
David vor Saul

Predigt über 1. Samuel 16, 14 bis 23 - David vor Saul
Sonntag Kantate, 28.04.2013 in der Stadtkirche in Rotenburg (Wümme) - Hans-Peter Daub
(Die Predigt nimmt am Schluss auch Bezug auf das Sonntagsevangelium, das zuvor im Gottesdienst in der Übertragung der Bibel in gerechter Sprache mit folgender Einleitung gelesen wurde:
Das Evangelium für diesen Sonntag steht bei Matthäus im 11. Kapitel. Seit vielen Jahrhunderten gehört diese Lesung fest zum Sonntag Kantate. Wenn man die Lutherbibel im Ohr hat, weiß man vielleicht gar nicht warum. Da beginnt die Lesung mit den Worten Jesu: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dein Evangelium den Weisen und Klugen verborgen hat, aber hast es den Kindern und Unmündigen offenbart.“ Da wundert man sich vielleicht noch, was eine solche Feststellung mit Kantate, mit dem Singen zu tun haben soll. Wer sich selbst für klug hält, hat es schwer mit dem Vertrauen zu Gott; - vielleicht ja auch mit dem Singen? Das Singen als Ausdruck eines kindlichen, vertrauensvollen „In-der-Welt-Seins“?
Tatsächlich steht im griechischen Text an dieser Stelle, dass Jesus selbst singt. Ich singe dir Loblieder, Gott, weil du es so ganz anders geordnet hast zwischen Großen und Kleinen, Klugen und Einfältigen. Und Jesus will, dass auch die singen können, die im Leben nichts zum Lachen haben. Darum dieser Abschnitt aus dem Evangelium an diesem Sonntag. Das wir schön deutlich in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache, aus der ich jetzt lese:
Es war einer Zeit ernster Auseinandersetzungen mit den Autoritäten im Volk, als Jesus betete und zu Gott sprach:
»Ich singe dir Loblieder, Gott, Vater und Mutter für mich und mächtig im Himmel und auf der Erde! Ich singe davon, dass du das vor den Weisen und Gebildeten verborgen und es für die einfachen Menschen aufgedeckt hast.
Ja, mein Gott, denn so hast du es gewollt. Du hast mir alles mitgeteilt. Niemand kennt mich als dein Kind so wie du, väterlich und mütterlich. Niemand kennt dich so väterlich und mütterlich wie ich als dein Kind, und wie alle Geschwister, die ich darüber aufkläre.
So kommt doch alle zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid: Ich will euch ausruhen lassen.
Nehmt meine Last auf euch und lernt von mir: Ich brauche keine Gewalt, und mein Herz ist nicht auf Herrschaft aus. So werdet ihr für euer Leben Ruhe finden. Denn meine Weisungen unterdrücken nicht, und meine Last ist leicht.«)
Liebe Gemeinde,
an diesem Sonntag Kantate möchte ich mit Ihnen über eine biblische Erzählung nachdenken, die viele von uns vielleicht aus dem Kindergottesdienst oder aus der Grundschulzeit noch kennen, die aber in unseren Gottesdiensten selten vorkommt, schon gar nicht als Predigttext. Sehr zu Unrecht, wie ich finde. Denn es ist zwar sehr gut, wenn schon die Kinder erfahren, wie heilsam die Musik sein kann. Aber wenn sie dann groß geworden sind und das heißt ja leider nicht selten auch aus dem Singen herausgewachsen sind, ist eine Auffrischung umso notwendiger. Darum also 1. Samuel 16
Der Geist des HERRN aber wich von Saul und ein böser Geist vom HERRN ängstigte ihn. Da sprachen die Großen Sauls zu ihm: Siehe, ein böser Geist von Gott ängstigt dich. Unser Herr befehle nun seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe gut spielen kann, damit er mit seiner Hand darauf spiele, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, und es besser mit dir werde. Da sprach Saul zu seinen Leuten: Seht euch um nach einem Mann, der des Saitenspiels kundig ist, und bringt ihn zu mir. Da antwortete einer der jungen Männer und sprach: Ich habe gesehen einen Sohn Isais, des Bethlehemiters, der ist des Saitenspiels kundig, ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf, verständig in seinen Reden und schön gestaltet, und der HERR ist mit ihm. Da sandte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: Sende zu mir deinen Sohn David, der bei den Schafen ist. Da nahm Isai einen Esel und Brot und einen Schlauch Wein und ein Ziegenböcklein und sandte es Saul durch
seinen Sohn David. So kam David zu Saul und diente vor ihm. Und Saul gewann ihn sehr lieb und er wurde sein Waffenträger. Und Saul sandte zu Isai und ließ ihm sagen: Lass David mir dienen, denn er hat Gnade gefunden vor meinen Augen. Sooft nun der böse Geist von Gott über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So wurde es Saul leichter und es ward besser mit ihm und der böse Geist wich von ihm.
Liebe Gemeinde! Das ist eine großartige Idee, die die Großen am Hof des Königs Saul da haben: Musik gegen Depression - altes Menschheitswissen. Die Erzählung wird ungefähr in das 7. Jahrhundert vor Christus datiert. Aber heute ist es vielfältig bestätigt, natürlich durch wissenschaftliche Untersuchungen und wissenschaftlich erklärt. Im Internet wird man schnell fündig: zum Beispiel, dass bei bewusstem Hören von Musik Stresshormone im Körper nachweislich und in erheblichem Umfang abgebaut werden. Musikmedizin ist, nachdem dieses alte Wissen lange unbeachtet blieb, heute eine eigene Disziplin, die Ärztinnen und Therapeuten wieder verstärkt in den Blick nehmen. Herz-Kreislauferkrankungen, Schmerzsituationen, postoperative Heilungsprozesse, Geburtshilfe sind aus einer langen Reihe einige der Anwendungsmöglichkeiten. Und natürlich auch Burnout und Depression. Man meint auch, erklären zu können, woran das liegt: Der Herzrhythmus der Mutter ist das erste Signal im Leben eines Menschen, das die Ordnung der Welt für ein heranwachsendes Kind repräsentiert. Der erste Sinneseindruck, den das sich bildende Gehirn wahrnimmt, noch vor dem Licht. 60 Schläge in der Minute, ein ruhiger Puls. Der sogenannte „Tactus integer valor“ ist die rhythmische Grundlage unserer Musik. Lange vor der Einführung eines Metronoms haben Musiker am Puls Maß genommen, dem Grundschlag schneller wie langsamer Musiksätze.
Noch wirksamer als das Zuhören ist das eigene Singen. David wird auch gesungen haben, zur Harfe. So wird er verehrt neben Mose, der die Thora brachte, neben den Propheten in Israel: David, der Poet. Auf die Länge gesehen ist das wichtiger als sein Königsein, - oder wichtig, bedeutsam genau in dieser Verbindung: einer, der in der Verantwortung, die er trägt, den Himmel sucht und singt. 70 der 150 biblischen Psalmen werden ihm zugeschrieben: von David, oder auch für David. Und manchmal steht in den Titeln der ihm zugeschriebenen Psalmen eine Situation, in der er gerade diese Worte gesungen haben soll. Über keinem Psalm steht, das sei der, den er vor Saul gesungen hat, aber in Frage kämen viele, z.B.: „Der Herr erhöre dich in der Not, der Name des Gottes Jakobs schütze dich! Er gebe dir, was dein Herz ersehnt; und erfülle alles, was du vorhast! Dann wollen wir jubeln, weil er dir hilft. Hilf, Herr, du König! Er wird uns erhören, wenn wir rufen.“ Ob Saul mitgesummt hat, weil sein Leben Raum gewinnt in diesen Worten?
Mit dem eigenen Singen wachsen die Abwehrkräfte. Auch das lässt sich nachweisen. Eine Speichelprobe vor und nach dem Singen - und die Antikörper sind signifikant gesteigert. Und Melatonin, das den Körper im Gleichgewicht hält und uns abends schlafen lässt, und Endorphine, die Schmerzen dämpfen: Singen – ein natürliches Antidepressivum. Dass wir in jedem Gottesdienst singen, geschieht nicht allein zu Gottes Ehre, oder eben gerade doch: nämlich indem wir uns selbst aufrichten singend, die eigene Mitte spüren, den Atem, den Rhythmus, und uns auf diese Weise verbinden mit den Kräften, die uns auch durch Schweres helfen.
Eine großartige Idee der Großen am Hof: ein junger Mensch, der dem traurigen König spielt und singt, der ihn vielleicht sogar selbst ansteckt, die eigene Stimme wiederzufinden. Aber was genau ist das für eine Krankheit, an der Saul da leidet? Was ist die Traurigkeit, an die Davids Lied rühren soll?
Depression, Erschöpfung – würden wir sagen. Aber der biblische Text beginnt mit einer unheimlichen Diagnose: Gott hat seinen Geist von Saul genommen und ihm einen bösen Geist geschickt. Das klingt archaisch und für uns auch falsch: Ein böser Geist von Gott?
Der biblische Text ist im hebräischen Ursprung genauer als unsere Übersetzungen: Es ist zwei Mal dasselbe Wort, die eine Geistkraft Gottes, genommen und wiedergegeben, das Erleben göttlicher Gegenwart im eigenen Leben. Aber dem Saul hat es sich verkehrt ins Gegenteil. Gott, der ihn einst berief, scheint ihn nun zu verstoßen, der eine Gott, dem er dienen wollte, lehnt nun seinen Dienst ab. Widersprüchlich ist ihm der eigene Glauben geworden.
Der Glaube als ein Spiegel der eigenen Seele, so zerrissen wie das eigene Innere. Viele denken, der Glaube müsste dann Halt geben können. Gott in der eigenen Seele, etwas, das heil geblieben ist und kraftvoll. Dorthin kann dann jemand fliehen, Gewissheit finden in sich selbst.
Aber Saul ist tiefer zerbrochen, ist in sich selbst zutiefst verunsichert. Er ist schon König geworden wider Willen. „Ich bin aus dem Geringsten der Stämme Israels, ich bin nicht wert, König zu sein.“ Aber er wird es aus Pflicht. Von Anfang ist das Königtum ihm nichts als Kampf: mit äußeren Feinden und mit seiner eigenen Ängstlichkeit und Unsicherheit. Er will alles richtig machen, und gerade so unterlaufen ihm Fehler, die Gott zu ahnden scheint. Ein anstrengendes Leben, ein Leben, das sich für ihn so oft verkehrt anfühlt, das ihn auffrisst und auslaugt, gefangen in Plicht und Verantwortung.
Eine großartige Idee: der Junge mit der Harfe, ein Gegenklang, - die wahrscheinlich einzige Therapie für Menschen vom Charakter Sauls, für Menschen vielleicht auch wie uns: herausgehen aus sich selbst, herausgelockt werden, den Pulsschlag wieder spüren können, der schon schlug, als noch nichts sonst war, Töne hören, die nach einer anderen Welt klingen, größer, weiter, als das, was jetzt die Seele drückt. Es darf nicht das ganze Leben ausfüllen: die eigene Verantwortung, ob König oder Mutter, ob Lehrer für 150 Kinder oder Verantwortlich für eine Abteilung und ihre Mitarbeitenden. Es darf nicht das ganze Leben sein: der Kampf, den jemand selbst bestehen muss, die Anforderungen, denen er sich gegenüber sieht.
Wenn das gelingt, dann transportiert die Musik nicht das Evangelium, dann vertont sie nicht den Glauben, sondern dann wird sie selbst zum Evangelium, zur heilsamen Kraft, zur Quelle neuen Vertrauens. Mit der Musik tatsächlich in die Gegenwart zurückkehren, im Augenblick des Erklingens und Verklingens erlöst für eine Zeit von der eigenen Vergangenheit, von dem, was nicht gelungen ist, von den Fehlern, die nachgehen und niederdrücken, und im selben Moment auch nicht nach vorne sehen müssen, die eigenen Sorgen lassen, das eigene Kümmern, weil in der sich entfaltenden Melodie vor allem ein Satz klingt: Die Gegenwart ist dir geschenkt, du hast sie nicht herbeigeführt und musst auch den Augenblick, der dem Jetzt folgt, nicht machen.
„So wurde es leichter mit Saul und es ward besser mit ihm und der böse Geist wich von ihm.“ Es ist eine trostvolle Geschichte von der Kraft des Evangeliums, das uns entgegenkommt als Musik, das uns im Klang wegholt von uns selbst. Aber es folgt ein trauriger Schluss, - oder ein vorläufiger! Der Text deutet schon an, dass für Saul seine Not immer und immer wieder kehrt. Dann holt er wieder David und der muss ihm singen, aber in ihm selbst klingt das Lied nicht, findet keinen Ankerpunkt. Wenn der Junge weg ist, ist er wieder der König, und nichts als der König, der, der sorgt, der, der entscheidet, entscheiden muss, der eine Macht wahrnimmt, die ihn selbst überfordert, und der genau darum Angst hat vor Kontrollverlust in allem, - irgendwann auch gegen David, der ihm singt.
„Ich singe dir Loblieder, Gott, Vater und Mutter für mich und mächtig im Himmel und auf der Erde.“ Auf seine Weise zeigt der offene Schluss des verzweifelten Saul hinüber zu dem Davidssohn, von dem das Evangelium sagt, dass er auch singt. Jesu Heilandsruf, sein Lied, ein neues Lied: Vom Elternsein Gottes. Vom Ende der Zeit einsamer Könige und Chefs, verzweifelter Eltern und Verantwortungsträger. Von den Kindern und Unmündigen, die ihren Platz kennen und verstehen – Kinder des lebendigen Gottes, enthoben von der Sorge und der Anmaßung, das Leben regieren zu müssen. Die auch tragen, aber nicht an dem Wahn, des Glückes Schmied zu sein, die, die Lasten nehmen, die das Leben ihnen zumutet, aber nicht allein, sondern mit den Geschwistern zusammen. Lernt von mir, sagt singend der Davidssohn Jesus: Ich brauche keine Gewalt. Ich manipuliere nicht. Und ich muss auch nicht das Leben kontrollieren. Denn ich bin nicht auf Herrschaft aus. So werdet Ihr für Euer Leben Ruhe finden. Findet den Klang des neuen Liedes, das die Welt trägt. Gott kommt. Die Zukunft verdanken wir ihm. Und solche klingende Zuversicht geht dann nicht mehr weg. Amen.

So. 21.04.13
Von der Vergebung
Von der Vergebung

Gottesdienst am 21.04.2013 – „Von der Vergebung“
Michaelskirche Rotenburg (Wümme) - Hans-Peter Daub
Begrüßung:
„Jede und jeder von uns ist auf Grund des Geborenseins ein ‚Initium‘, ein eigener Anfang. Darum zeichnet das den Menschen aus, dass er Initiative ergreifen, Anfänger/Anfängerin sein und neu werden kann, jemand der Neues in Bewegung setzt.“
Mit diesem Gedanken der Philosophin Hannah Arendt heiße ich Sie herzlich zu diesem Gottesdienst willkommen. Ein interessanter Anstoß: Den Menschen nicht von seinem Ende her denken, von seiner Sterblichkeit her, sondern ausgehend von seinem Anfang, von seiner ‚Gebürtlichkeit‘ her, wie Hannah Arendt sagt. Nicht: Kaufe die Zeit aus, denn sie ist kurz und kostbar. Sondern: Achte auf die Anfänge. Bleib diesem Zauber auf der Spur, den Gott in unser Leben gelegt hat!
Für mich ist das ein österlicher Gedanke. Darum möchte ich ihm an diesem dritten Sonntag in der Osterzeit in unserem Gottesdienst Raum geben: Ostern und Vergebung – das ist dieselbe Energie: den neuen Anfang möglich machen. Beides kann niemand als Gott allein: Sünden vergeben und Tote erwecken. Aber uns schenkt er daran Anteil: Österlich leben dürfen.
In der Zeitung: Abschied von Michael – Hintergrund – Neuordnung der Seelsorgebezirke – Eine Zäsur (neben dem neuen Seelsorgebezirk, keine Mitgliedschaft mehr im KV), aber keine Trennung – auch in Zukunft enge Zusammenarbeit in der Stadt, wozu auch weiterhin eine gemeinsame Gtd.-Planung gehört.
Lange Begrüßung durch mich – Nun die Gelegenheit für Sie, sich auch wechselseitig zu grüßen. Später auch noch miteinander zu reden…
Osterlied, das den Frühling zum Symbol des neuen Lebens nimmt. Endlich!
Eine Zeile jeweils vorsingen ….
Lied: Die ganze Welt, Herr Jesu Christ … (EG 110 auf die ursprüngliche Melodie)
Überleitung
Im ersten Teil jedes Gottesdienst gibt es einen Augenblick, um zu bedenken, wo wir herkommen. Die zurückliegende Woche erinnern, die Themen, die Aufgaben und Sorgen, die wir mit uns tragen. Wir fassen sie und legen sie weg, Christus zu Füßen, wie der blinde Bartimäus, der nach Jesus ruft:
Kyrie im Wechsel (Arnold)
Überleitung zum Gloria
Und auch im ersten Teil eines Gottesdienstes, sich orientieren, die eigene Bestimmung spüren, Gottes Gegenwart wahrnehmen: Wir können, dürfen und sollen Gott Antwort geben. Wir können , dürfen und sollen uns dazu aufrichten und groß machen, denn hell und groß soll unser Lob für ihn sein.
Lob für Gott, der die Sünden vergibt. Lob für Gott, der Tote und Totes wieder lebendig macht. Gott, der uns den neuen Anfang schenkt, heute und an jedem Tag. Darum dieser Lobvers: Ehre, Lob und Preis sei dir Gott!
Liedvers: Ehre. Lob und Preis sei dir Gott!
Gebet
Gott, jeden Augenblick fällt eine Tür ins Schloss, ist ein Urteil fertig, geschehen Dinge zwischen uns, die nicht mehr weggehen: große, aber meistens ganz viele kleine Verletzungen, Unachtsamkeiten, Grobheiten, der Blick auf das Eigene, das Übersehen des anderen. Wir kommen nicht hinterher, das wieder in Ordnung zu bringen. Wenn wir es denn überhaupt merken. Ja, bei uns selbst merken wir es schon. Da geht so eine Kränkung nicht schnell wieder weg. Die erinnern wir manchmal auf ewig.
Gott, der Du am Ostermorgen den Stein ins Rollen gebracht hast, brich diese toten Geschichten auf, schenke uns einen neuen Anfang, neue Anfänge, - je älter wir sind, desto mehr. Vergib uns und lass uns einander vergeben. Um der Zukunft willen. Um des Lebens willen, das Du uns jeden Tag neu schenkst. Amen.
Verzeihen und vergeben – einige Fragen, die ich mir selbst und die ich Ihnen stelle:

  • In welcher Weise ist das im Moment ein Thema: Eher dadurch, dass mir etwas getan wurde, das nachwirkt, das schmerzt und nicht wieder gut ist, das ich einem anderen, einer anderen nachtrage? Oder umgekehrt: Dass ich etwas getan habe, was ich als belastend empfinde, ein Fehler, eine Verletzung gegen einen anderen, eine Schuld?
  • Was fällt leichter: um Vergebung zu bitten oder selbst zu vergeben? Und was ist öfter nötig? Warum?
  • Wie kann ich jemandem vergeben, der mich nicht um Entschuldigung gebeten hat? Der vielleicht gar keine Einsicht zeigt oder nichts ahnt von meinem Verletztsein? Geht das? Und wenn ja, wie?
  • Habe ich schon einmal etwas erlebt, was ich oder auch andere für unverzeihlich halten? Gibt es etwas, das grundsätzlich nicht verziehen werden kann?
  • Habe ich selbst etwas getan, das unwiderruflich ist, zum Schaden eines oder mehrerer anderer Menschen? Wie kann ich damit leben? Wer weiß davon?
  • Was geschieht mit den Dingen, die nicht vergeben werden? Und was geschieht mit den Dingen, die vergeben wurden?
  • Was wird aus einem Menschen, dem nicht vergeben wird? Und wie lebt jemand, der nicht vergeben kann?

Orgelmusik
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus!
Liebe Gemeinde!
Über den Predigttext vom letzten Sonntag aus dem Johannesevangelium habe ich drei Predigten gehört, gute, hilfreiche Predigten. Und doch oder gerade deswegen ist da etwas, was mir die Woche über nachgeht und was mich dazu bringt, einen Aspekt dieses Textes heute noch einmal zum Thema zu machen. Wie Vergebung geht. Oder noch genauer: Wie nach einer tiefen Schuld wieder etwas weitergeht, sogar neues Vertrauen entsteht, obwohl es doch nicht mehr wieder so sein wird wie früher. Und wie das beides zusammengehört: Ostern – und dass eine Lebensgeschichte trotz der Schuld, die wir auf uns laden, weiter gelebt wird, sinnvoll, bedeutsam, sogar schön.
Ich weiß nicht, ob Sie letzten Sonntag einen Gottesdienst erlebten, in dem Sie diesen Text auch gehört haben. Ein Abschnitt daraus gibt es jetzt dann für Sie auch noch einmal. Bevor er gelesen wird, will ich kurz den Zusammenhang erläutern, wie ihn der Evangelist Johannes sehr überlegt und voller Sinn komponiert und erzählt.
Es geht um Simon Petrus. Wie die anderen Evangelien erzählt Johannes von Simons Treuebekenntnis in den Tagen vor der Verfolgung in Jerusalem. Bedeutsam ist der Wortlaut: „Warum, Jesus, sollte ich nicht mit Dir gehen können. Ich will mein Leben für dich lassen.“ „Du willst das Leben für mich lassen? Wahrlich, der Hahn wird nicht krähen, bis Du mich 3 Mal verleugnet hast.“
So geschieht es. Bei Johannes ist die Leugnung des Petrus noch unverständlicher als bei den anderen. Denn Petrus ist nicht allein im Hof des Hohenpriesters. Ein anderer Jünger ist mit ihm zusammen, den der Hohepriester kennt und der von den Tempelwachen schon als Jesusjünger identifiziert wurde.
Aber die Tempelwachen tun ihnen nichts. Warum hat Petrus solche Angst? Er folgt Jesus, wie er es versprochen hat, und leugnet dann doch.
Wieder anders als die anderen Evangelisten schreibt Johannes nichts davon, dass Petrus im selben Moment bereut. (Bach musste für seine Johannespassion um der Dramatik willen den Satz aus dem Matthäusevangelium entleihen: dass Petrus der Worte Jesu gedachte, hinausging und bitterlich weinte. Im Johannesevangelium selbst erfahren wir nichts von Simons Reaktion. Da bleibt das so stehen.
Aber jetzt findet die Leugnung eine Fortsetzung im Rahmen der johanneischen Ostererzählungen: Nachdem der auferstandene Jesus schon erschienen ist Maria von Magdala, dann dem Jüngerkreis insgesamt im verschlossenen Raum, dann dem Thomas mit den Elf. Und dann folgt noch ein Anhang, den nur Johanes erzählt: Sie sind zurück in Galiäa. Am See Tiberias nehmen sie ihr altes Leben wieder auf, und es ist doch niemals mehr das alte. Nach dem österlichen Fischzug – wunderbare Wiederholung einer Erfahrung mit dem lebenden Jesus – und wird doch zugleich deutlich, dass es eine Wiederholung nicht ist, sondern österliches Leben, Leben unter der Voraussetzung, dass der Tod das Leben nicht bestimmt, vertrauendes Leben, das das Evangelium wiederliest als die eigene Geschichte. Und genau dort findet sich eine Therapie für Simon, eine Antwort auf seine Schuld, eine Lektion ‚von der Vergebung‘:
Lesung: Johannes 21, 15 bis 17
Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als irgendein anderer hier?« Petrus gab ihm zur Antwort: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.« Darauf sagte Jesus zu ihm: »Sorge für meine Lämmer!«
Jesus fragte ihn ein zweites Mal: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?« Petrus antwortete: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.« Da sagte Jesus zu ihm: »Hüte meine Schafe!«
Jesus fragte ihn ein drittes Mal: »Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?« Petrus wurde traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal fragte: »Hast du mich lieb?« »Herr, du weißt alles«, erwiderte er. »Du weißt, dass ich dich lieb habe.« Darauf sagte Jesus zu ihm: »Sorge für meine Schafe!
Ob Petrus erschrocken ist, dass Jesus ihn direkt anspricht? Gerade schien alles gut - trotz der furchtbaren Geschichte, die hinter ihnen liegt, die sie getrennt hat, jeden von jedem. Aber der Fisch und das Brot, das Zusammensein am Ufer – es ist ein Wunder, dass das wieder möglich ist. Vielleicht lieber nicht daran rühren. Vergeben, vergessen?
„Simon, Sohn des Johannes“, - das ganze Evangelium über wurde Petrus so nicht angesprochen, nur ganz am Anfang, bei seiner Berufung in den Kreis der Jünger. „Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, Petrus, der Fels.“ Nichts ist vergessen. Ganz an den Anfang müssen sie beide zurück.
Von der Schuld spricht Jesus nicht, aber fraglos ist nichts mehr. „Liebst du mich, mehr als die anderen?“ Es ist schade, dass unsere Sprache die wichtige Nuance nicht wiedergeben kann, die in den ursprünglichen Worten auf Griechisch liegt: Agapas me? Agape - das ist Liebe, die sich selbst hingibt, die das eigene Leben einsetzt, die den anderen liebt wie sich selbst.
Auch wenn Jesus nicht ausdrücklich davon spricht, ist doch im selben Augenblick gegenwärtig, was Petrus versprach und woran er so kläglich scheiterte: „Ich will mein Leben für dich geben.“
Philo te. Petrus hat viel über sich gelernt. Ich habe dich lieb, wie Freunde sich lieben: Philia – das ist Freundschaft, Gegenseitigkeit auf der Basis von Selbstbestimmung. Petrus ist älter geworden und realistischer.
Aber Jesus lässt diese Dimension nicht los, noch nicht. „Weide meine Lämmer!“ Christus, das Lamm Gottes, das das Scheitern des Simon kennt, mutet ihm zu, für andere da zu sein, für andere Lämmer, die zur Schlachtbank geführt werden. Petrus kannst Du das? Kannst Du es jetzt? Agapas me?
Petrus bleibt Realist, jemand, der sich selbst im Scheitern kennen gelernt hat. „Philo te“. Ich bin dir Freund. Das weißt du doch. Spricht Jesus: Weide meine Schafe! Erwachsene Tiere, die meine Stimme kennen. Relativiert ist dein Auftrag, heruntergebrochen auf das, was dir zumutbar ist. Ihr könnt einander dienen, wie Schäfer den Schafen.
Fragt Jesus das dritte Mal, den der drei Mal verleugnete: Aber dieses Mal nimmt er selbst den Anspruch zurück: Hast du mich lieb? Phileis me? Bist du mir Freund? Da wurde Petrus traurig, dass Jesus ihn das dritte Mal fragte: Traurig, weil es das dritte Mal war? Oder vielmehr, weil Jesus das dritte Mal in dieser Weise zurückgenommen fragte, weil die Qualität der ersten Frage aufgegeben und weg ist? Agape – dass wir füreinander das Leben lassen. Der mutige, überschwängliche Vorsatz des Petrus selbst – jetzt wird er nicht mehr erwartet? Philia – Freundschaft ist auch viel. Ist auch Treue. Ist die Verpflichtung zum Ausgleich. Ist, dass man einander nicht aus den Augen lässt, ist Heilmittel gegen den Tod der Einsamkeit. Weide meine Schafe – nun vielleicht doch ohne den Anspruch des guten Hirten, der sein Leben lässt für das Verlorene, für die Lämmer. Realistisch – wir dürfen uns nicht überfordern, dürfen den falschen Eindruck nicht erwecken, als käme die Kraft zur Selbsthingabe aus uns selbst.
Jesus fügt dann doch noch an: „Wahrlich ich sage dir: Als du noch jung warst, hast du dir den Gürtel selbst umgebunden und bist gegangen, wohin du wolltest. Doch wenn du einmal alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dir den Gürtel umbinden und dich dahin führen, wo du nicht hingehen willst.« Jesus deutete damit an, auf welche Weise Petrus sterben würde und dass durch seinen Tod die Herrlichkeit Gottes offenbart würde.“
Vier Folgerungen am Schluss:
(1) Jesus spricht Petrus auf seine Schuld und sein Versagen nicht an. Nach meiner Wahrnehmung tut Jesus das im ganzen Evangelium nicht, gegenüber niemandem. Vielleicht wird das unter uns ganz falsch eingeschätzt, wie wichtig es ist, einen anderen Menschen auf seine Fehler anzusprechen, wie wichtig es ist, dass ein Mensch selbst in die Knie geht und bereut.
(2) Es ist nicht wichtig, weil es nichts über die Zukunft sagt. Aber um die Zukunft geht es. Was können wir Petrus zutrauen? Jetzt noch? Was können wir einander zutrauen? Jetzt noch? Nachdem wir auch Erfahrungen des Scheiterns und der Enttäuschung übereinander gemacht haben?
(3) Dass wir einander vergeben ist Bedingung für neues Leben. Es ist die Alltagsgestalt des Osterglaubens. „Der ist für mich gestorben“ – ist das Gegenteil des Vertrauens, zu dem der Auferstandene einlädt. Weil er uns nachgeht bis in den Tod, macht es Sinn, dass wir einander nachgehen und vergeben.
(4) Im Blick auf die Zukunft traut Jesus uns regelmäßig mehr zu, als wir es für möglich und für realistisch halten: Jesus will, dass Petrus, der sich als Feigling erwies, wieder Verantwortung übernimmt. Christus traut auch uns, die wir Grenzen haben, zu, dass wir für die Zukunft, die er will, wichtig sind. Amen.
EG 358, 1.2.4.6 Es kennt der Herr die Seinen
Lesung: 10 Thesen zur Vergebung der Kommission Justitia et Pax in Luxemburg (vgl. http://w3.restena.lu/justpaix/pdf/JusPaxT2000.pdf)

  1.  Vergebung kann ein langer Prozess sein.
  2.  Vergebung ist nicht von einem Geständnis abhängig.
  3.  Vergebung erfordert keine übereinstimmende Auffassung von der Vergangenheit.
  4.  Vergebung bedeutet, von meinem natürlichen Recht auf Rache loszulassen, beziehungsweise: Vergebung ist die beste Rache ...
  5.  Vergebung bedeutet nicht, vergessen.
  6.  Vergebung bedeutet, das Unrecht nicht immer wieder zur Sprache zu bringen.
  7.  Vergebung bedeutet nicht, das Verhalten einer anderen Person zu entschuldigen.
  8.  Vergebung bedarf vorab einer Entscheidung.
  9.  Vergebung bedeutet nicht unbedingt, erneut zu vertrauen.
  10.  Vergebung ist Voraussetzung für Neuanfang.

Einladung zum Gespräch (5 Minuten):

  • Was leuchtet mir unmittelbar ein?
  • Welche These erregt meinen Widerspruch?
  • Was nehme ich mit selbst neu vor?

Lied: Wie ein Fest nach langer Trauer (mit Klavier)
Fürbittengebet mit Kyrievers:
Kyrie eleison (Taizé)
Gott, in unserer Welt geschehen furchtbare Dinge. Bestürzt über die Gewalt dieser Zeit klagen wir dir: Was geht in Menschen vor, die für ein Sportfest Bomben bauen? Auf welche Zukunft hoffen Befehlshaber und Piloten, die die Städte ihrer eigenen Heimat zerstören? Was bewegt unsere Regierung in dem so grausam absurden Wettbewerb der Waffenexporteure dieser Welt mit immer gefährlicheren Lieferungen den dritten Platz zu erringen? Gewalt erscheint als der Königsweg in den Konflikten unserer Zeit. Aber du, unser König, unsere Hoffnung, hast einen anderen Weg gewiesen. Darum rufen wir zu dir:
Kyrie eleison (Taizé)
Einander vergeben, Schuld vergeben heißt auch: Schulden vergeben. Was uns anvertraut ist so zu teilen, dass viele leben können. Geld nicht zu horten, sondern im Fluss zu halten, freimütig leihen und verschenken. Dem Mammon nicht zu opfern – auch wenn noch so viele Experten seine Liturgie singen. Aber die Geldtürme ragen in den Himmel und unvorstellbare Schulden bringen immer mehr Menschen und Völker in bittere Not. Darum klagen wir dir himmelschreiende Ungerechtigkeit:
Kyrie eleison (Taizé)
Gegen die Nachrichten jeden Tag erscheint unsere Not klein. Aber es ist unser Leben, unser einziges, kleines Leben. Wie leicht wir es einander vergällen. Wie schwer es ist, unvoreingenommen aufeinander zuzugehen. Wie lang wir Böses einander nachtragen und wie leicht wir das Gute übersehen, das uns entgegenkommt. Lehre uns die Kunst der Vergebung. Schenke uns den Blick für das, was noch kommt. Gib uns Vertrauen in das, was du möglich machen wirst. Darum rufen wir zu dir:
Kyrie eleison (Taizé)
Wir denken an die, die krank liegen und sterben müssen: Leben bis zuletzt; sich und die Menschen wahrnehmen können, die zueinander gehören; sich verzeihen, was schwer war; sich sagen können, was wir einander verdanken; Tränen haben für das, was zu Ende geht, und doch unerschütterlich zu der Hoffnung stehen, die Du uns schenkst: Das bitten wir für die, die gehen müssen. Und das bitten wir auch für uns, die, so Du willst, noch eine Zeit bleiben. Aber lass uns vorbereitet sein, und keine alten Sachen unsere Seele quälen. Zu Dir rufen wir:
Kyrie eleison (Taizé)
Vater unser ….
Lied: Christ ist erstanden
Segen

So. 06.05.12
Predigt im Gottesdienst Kantate mit der…
Predigt im Gottesdienst Kantate mit der Aufführung der Choralkantate BWV 137 in der Stadtkirche Rotenburg

Guten Morgen, Ihnen liebe Gemeinde aus Sängerinnen und Sängern der Stadtkantorei, aus den Solis-ten und den Musikern der Bremer Ratsmusik, aus den Mädchen und Jungen der KinderKantorei, aus Ihnen und Euch, den Jungen und Alten, den Bachfreunden und denen, die nun nicht extra wegen der Musik gekommen sind, aus denen die mit Trauer und Sorge hier im Gottesdienst sind und den ande-ren, denen „Lobe den Herren“ aus einem fröhlichen Herzen kommt!
Am 25. Juni 1708 schreib der damals 23-jährige Organist Bach im Entlassungsgesuch an den Rat der Stadt Mühlhausen, er habe dort „seinen Endzweck, nemlich eine regulirte kirchenmusic zu Gottes Ehren“ nicht erreichen können; er hoffe aber „auf die Erhaltung meines endzweckes wegen der wohlzufaßenden kirchenmusik“ in seiner nächsten Position in Weimar.
Bachs Endzweck - eine eigentümliche Formulierung - das ist die Gestaltung einer regulierten Kir-chenmusik. Darunter verstand er das Komponieren und Aufführen von Kantaten im Gottesdienst. Das war nach seiner Auffassung seine eigentliche Bestimmung in dieser Welt. Die Frucht davon erleben wir heute durch das besondere Engagement von Kantor Karl-Heinz Voßmeier und allen, die mit ihm musizieren:
Im Mittelpunkt steht eine Kantate, die selbst gewissermaßen Bachs Endzweck oder Bestimmung zum Thema hat: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, BWV 137. Aufgeführt im Rahmen des Gottesdienstes am Sonntag Kantate erinnert sie uns selbst an unsere Bestimmung und Aufgabe, dass auch wir Antwort geben auf das Leben, das uns geschenkt wurde und einstimmen in den Chor aller Geschöpfe, die das Leben und seinen Schöpfer preisen. Dazu helfe uns Gott – bei allem, was für uns jetzt auch dagegen stehen mag. Amen.

Psalmgebet: Psalm 98

Kyrie-Gebet
Oft, Gott, haben wir das neue Lied nicht auf den Lippen. Haben keine Idee von seinem Text, trauen uns die neuen Klänge nicht zu.
Oft sind wir gefangen in ganz alten Melodien unserer Gewohnheiten, unserer Angst, der Konflikte, in denen wir gefangen sind, den Vorurteilen, mit denen wir auf die Welt schauen.
Deshalb sind wir angewiesen auf dich, du Inspiration unseres Lebens.
Lass dein neues Lied in unseren Herzen entstehen, und schenke uns den Mut und den Atem es anzu-stimmen, den Ton der Liebe, den Klang der Hoffnung auf deine Zukunft. Amen.
Vorspruch zum Gloria
Wenn Gottes Geist uns erfüllt und die Kraft seiner Liebe in uns Raum gewinnt, bleiben wir nicht stumm. Dann wird unser Leben verwandelt und vom Klang des Evangeliums erfüllt.
Wenn er uns die tröstenden Worte schenkt und Melodien, die das Herz leicht machen, wenn wir uns verbinden mit den Stimmen der Natur und für den Chor seiner Engel aufmerksam sind, dann klingt schon jetzt Gottes Lob hell und klar.
Eingangsgebet
Barmherzig und gnädig bist du, Gott, geduldig und von großer Güte. Darum gib unserem Leben ei-nen neuen Klang, stimm uns freundlich auf dich ein und lass uns in dem Chor, der dir singt, die eigene Melodie finden. Lass uns nicht vergessen, was du uns Gutes getan hast, dieses Leben und seinen unfassbaren Zauber, und dass du uns freundlich begleitest heute und an allen Tagen im Leben und im Sterben. Amen.

Evangelium: Lesung aus Matthäus 21,12 bis 17 – Neue Genfer Übersetzung
Jesus ging in den Tempel und wies alle hinaus, die dort Handel trieben oder etwas kauften.
Er warf die Tische der Geldwechsler und die Sitze der Taubenverkäufer um und sagte zu ihnen:
»Es heißt in der Schrift: ›Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein.‹ Ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus!«
Während er im Tempel war, kamen Blinde und Lahme zu ihm, und er heilte sie.
Aber die Wunder, die er tat, und der Jubel der Kinder, die im Tempel riefen: »Gepriesen sei der Sohn Davids!«, erregten den Unwillen der führenden Priester und der Schriftgelehrten.
»Hörst du eigentlich, was die da rufen?«, sagten sie zu ihm.
»Gewiss«, erwiderte Jesus. »Habt ihr das Wort nie gelesen: ›Unmündigen und kleinen Kindern hast du dein Lob in den Mund gelegt‹?«
Damit ließ er sie stehen, verließ die Stadt und ging nach Betanien.
Predigt über Lobe den Herren (EG 317)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Bruder und Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!
Der heutige Predigttext ist das Lied, das der Kantate zugrunde liegt. Wir haben vier der fünf Strophen schon gesungen. Unter der Nummer 317 im Gesangbuch haben Sie den Text auch in der Hand.
„Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren. Kommet zuhauf! Psalter und Harfe wacht auf! Lasset den Lobgesang hören!“
Es ist ausgesprochen erstaunlich, dass ausgerechnet „Lobe den Herren“ das wohl erfolgreichste, beliebteste deutsche Kirchenlied ist.
In unserer Welt, angesichts der Not in so vielen Leben: diese fünf Verse, die so voller Überschwang das Vorfindliche zu loben scheinen: - alles so herrlich regieret, - künstlich und fein dich bereitet, - Gesundheit verliehen, - freundlich geleitet, sichtbar gesegnet, - mit Strömen der Liebe geregnet.
Wovon spricht der Liederdichter? Und wie welt- und selbstvergessen scheinen wir, wenn wir aus vol-lem Herzen einstimmen?
Oder ist es das Lied für den glücklichen Augenblick, für das schöne Fest, die Höhepunkte im Leben? Wenn wir eine kirchliche Trauung besprechen, dann kommt dieser Liederwunsch, meist mit der Bemerkung: „Das können alle mitsingen. Und das passt da ja gut.“
Und das wäre ja ein schönes Zeichen über unserem Leben, dass es diese Augenblicke gibt, - anschei-nend doch so häufig, dass sich die dazu passenden Strophen einprägen. „Der Deinen Stand sichtbar gesegnet.“
Bei einer Andacht zum 80sten Geburtstag, z.B.: Wenn da Kinder sind mit ihren Familien, Freunde, Nachbarinnen. Wenn es möglich ist, auszugehen und in großer Runde ein gutes Essen zu genießen. Und die Pastorin oder der Pastor kommt, und wir stimmen gemeinsam an. Dann wissen in dem Mo-ment auch viele, dass es ganz andere Zeiten gab. Die Flucht, die schwere Krankheit eines Enkels, der Tod des Mannes vor fünf Jahren. Aber jetzt, in diesem Augenblick ist alles gut gefügt. Wir sind durch-gekommen, bis heute. Wir haben einander. Der Tag ist so hell. Jetzt gerade regiert Gott doch tatsäch-lich alles so herrlich.
Du sollst auch nicht undankbar sein. Darum wird es dieses Lied geben. Darum sollst du es auch mit-singen, wenn es gerade nicht gut ist. Dann erinnert es dich an die guten Zeiten und stärkt das Ver-trauen, dass es auch wieder anders werden kann.
Durchgemogelt? Zurechtgebogen? In einer Welt, die nicht gut regiert ist, sich an den Augenblicken freuen, in denen es anders scheint? Und dann nicht von den Schatten reden? Tief Luft holen – und man muss wirklich tief einatmen, um diese erst Zeile in einem Bogen singen zu können – 18 Takt-schläge, wo man sonst nach 8 oder höchstens 10 wieder atmen kann – und dann durch und mal nicht an das denken, was dagegen steht...
Manche können das. Und andere lehnen es ab, weil es ihnen nicht ehrlich erscheint, weil sie einen Glauben, der die glücklichen Ausnahmen feiert und sich um den Rest dann zu drücken scheint, ableh-nen. Ganz grundsätzlich - wie die große evangelische Theologin Dorothee Sölle, die meinte, das Lied geht nicht mehr nach Ausschwitz. Oder bitter persiflierend wie Berthold Brecht, der in seinem großen Dankchoral die Kälte lobt und die Finsternis und das Verderben! „Schauet hinan: Es kommt nicht auf euch an. Und ihr könnt unbesorgt sterben.“
Nachher hören wir die Kantate von Johann Sebastian Bach zum Lied. Das ist helle prächtige Musik, - mit Pauken und Trompeten, ursprünglich für den Sommer komponiert, - der 12. nach Trinitatis oder vielleicht auch aus Anlass einer Ratswahl, ein großes Fest in Leipzig - oder eben jetzt für diesen festli-chen Kantatengottesdienst. Genau an dieser im ersten Hören so strahlenden Musik habe ich neu ver-stehen gelernt, dass das Lied nicht die Ausnahme meint, sondern den „Endzweck unseres Daseins“, wie das Bach selbst ausgedrückt hat. Dass in allen Formulierungen des Liedes der Widerspruch, das Elend, auch das Unrecht unserer Existenz nicht ausgeblendet, sondern einbezogen ist. Und dass das vielleicht niemand genauer zu Tage gebracht hat als Bach mit seiner Musik.
Darum folgen jetzt einige Hörhilfen, die Sie hoffentlich nachvollziehen können, und die den Text noch einmal ganz anders zu verstehen lehren:

(1) Gleich der Eingangschor: strahlendes C-Dur, gespielt von einem großen Barockorchester, auch wenn jede Stimme heute nur einfach besetzt ist: Streicher und Oben, dazu drei strahlende Trompeten und Pauken, die einen klaren Rhythmus geben. Und trotzdem ist die Musik von Anfang nicht glatt: ein Echospiel von Oboen und Geigen und im Thema eine eigenartige Synkopierung, eine kleine Verschie-bung der Betonung. Wenn die Chorstimmen nacheinander einsetzen, ahnt man, dass das nicht leicht zu singen ist. Ein wirklicher Aufschwung. Eine Anstrengung. Trotz des schnellen, leichten Tempos. Aber das Lob fließt nicht einfach, weil das Herz voll ist über so viel Glück. Man spürt den Auftrag. Das Selbstgespräch: Lobe, meine Seele. Tu, was Deine Bestimmung ist. Schwing Dich dazu auf. „Das ist mein Begehr.“ – Das ist nicht Spaß wie das Lied, das mir im sonnigen Frühling auf die Zunge kommt. Sondern es ist, wonach ich eine Sehnsucht habe: Dass das Leben stimmig ist und dass ich darum sin-ge. Aber das ist eben gerade nicht selbstverständlich.
Gedichtet hat den Text nicht die lebenssatte Jubilärin sondern Joachim Neander, ein 25-Jähriger, der ein schweres Leben hat. Er ist Theologiestudent aus einer Pastorenfamilie in Bremen, begeistert von den pietistischen Predigten eines Zeitgenossen, der lehrt, dass der Glaube nicht ein bürgerliches Ac-cessoire ist, eine Art Anstecknadel in Kreuzform, sondern dass es um eine Haltung geht, einen Auf-trag, eine Bestimmung für das ganze eigene Dasein. Die Bedingungen, unter denen Neadner seine Bestimmung leben kann, sind schwer. Eine Pfarrstelle gibt es für ihn nicht, er schlägt sich durch mit einer karg bezahlten Schulstelle in Düsseldorf. Dort findet er Menschen, die verstehen, was ihn im Innersten umtreibt, die auch nach diesem Ernst einer Existenz im Vertrauen fragen. Mit ihnen feiert er nachmittags draußen in dem Tal, das viel später tatsächlich nach ihm Neanderthal benannt wird, Bibelstunden und Gottesdienste. Hier entsteht sein Lied. In einem äußeren Sinn ist da gar nichts gut regiert, und nichts sicher geführt, und Gesundheit in dem Sinn, wie wir das verstehen, ist Neander auch nicht verliehen. Er stirbt nur wenige Jahre später 30 Jahre alt. Aber er fordert seine Seele auf zu dem, was ihre Bestimmung ist: Gott, dem Schöpfer Antwort zu geben, mit IHM im Gespräch zu sein, - zu loben – Ja zu sagen.
Bach hat das verstanden – durch und durch. Das zeigt schon der Eingangschor mit den anspruchsvol-len Chorstimmen, die ganz polyphon geführt werden, vielstimmig wie das Ringen in uns selbst, bis der Cantus firmus, der klare Lobvers über dem allen im Sopran erklingt. Nur an einer Stelle ist der Satz homophon, ein gemeinsamer, gleichmäßiger Klang: „Kommet zu Hauf. Psalter und Harfe wacht auf.“ Es ist ein errungener Augenblick, in dem die Anstrengung der Seelen, ein Ja zu gewinnen, zusammen stimmen zu dem harmonischen Klang einer Gemeinde. Aber der Zusammenklang in einer Gemeinde setzt voraus, dass wir uns selbst rufen lassen, dass wir uns selbst auf den Weg machen, dass wir, jede und jeder für sich Antwort geben und Antwort wagen.

(2) Die zweite Strophe – sicher die, die am meisten missverständlich ist. Auch in der Musik. Es klingt ein beschwingter Neunertakt, darüber eine bewegte Solovioline. Und dann setzt in ganz klaren No-tenwerten die Choralmelodie ein: der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt; hast du nicht dieses verspüret? Immerhin lässt die Frage am Ende erkennen, dass sich solche Sätze ganz und gar nicht von selbst verstehen, ja, dass es wohl zynisch wäre zu unterstel-len, als würde der Lebensweg, der Menschen zugemutet wird, ihnen gefallen wie einem ein Klei-dungsstück gefällt. Das ist doch ein Weg, ein schmerzhafter Weg, bis das, was uns zufällt, wirklich so genommen und verstanden ist, dass wir es uns „ge-fallen“ lassen können. Vielleicht hilft eine Erinne-rung daran, woher Neander das Bild von den Fittichen eines Adlers hat: Das entstammt dem Lied des Mose vor seinem Sterben, aufgeschrieben im 5. Buch Mose: „Gedenke, Israel, der vorigen Zeiten. Gott sah dich in der Wüste. Er hatte auf dich acht und behütete dich wie seinen Augapfel, wie ein Adler ausführt seine Jungen und über ihnen schwebt, so breitete er seine Fittiche aus und leitete dich.“
Man muss die Wüste mitdenken, den Kampf und die Anstrengung dieses Weges, sonst ist das nicht verstanden. Oder wie Bach: Er hat, was da gesagt ist, noch einmal neu als Verheißung verstanden, nicht Beschreibung unserer Gegenwart, sondern Hoffnung für die Zukunft. Deshalb hat er dasselbe Musikstück, diesen 2. Satz der Kantate Jahre später noch einmal aufgeschrieben als ein Orgelstück, aber dann die Melodie einem Adventslied zugeordnet: „Kommst du nun, Jesus, vom Himmel herunter“ – weil unser Lob vorauseilt, weil noch gar nichts herrlich regiert ist, weil wir einstweilen noch hoffen und glauben.

(3) Die dritte Strophe – e-moll: Verschwunden ist der strahlende Klang, keine Streicher, keine Trompe-ten. Zwei Oboen spielen umeinander, dann zwei Singstimmen, Sopran und Bass – stimmlich so weit voneinander entfernt wie es nur möglich ist – als gälte es tatsächlich einen Graben zu überwinden, mit einem Widerspruch umzugehen. Die Melodie, die in der ganzen Kantate präsent ist, klingt hier nur noch in ihren ersten Tönen an. „Künstlich und fein bereitet“, - das heißt eben auch verletzlich, sterblich. „Gesundheit verliehen“, das heißt auch, dass sie uns nicht gehört, dass sie erlebt wird wie ein Glück auf Zeit. „Freundlich geleitet“ – auch auf ganz dunklem Weg. Und am meisten legt Bach in diese drei Worte hinein: „In wieviel Not“: schmerzende Chromatik, Rückungen immer einen Halbton weiter, die erkennen lassen, dass das etwas anderes ist als eine Pechsträhne.

(4) Wir sind noch nicht im Himmel, wir sind weit davon entfernt, aber wir machen doch Erfahrungen mit dem Himmel. Wir werden berührt und beglückt in unserer Mühe und Arbeit, in unserem Kummer und unserer Not. Sehr kunstvoll komponiert Bach diese Spannung in der 4. Strophe. Auch dieser Satz ist in Moll. Eine immer wieder kehrende bewegte Baßmelodie, auf und absteigend, mehr absteigend als aufsteigend, und in Sprüngen nach unten, - und immer wieder von vorn. Da wird nichts beschö-nigt. Nicht die Anstrengung eines Thomaskantors, auch nicht die existenzielle Not des Textdichters, der ein irdisches Glück in seinem Leben nicht findet. Und wir können uns und unsere Welt in dieser dunklen Grundfigur vielleicht auch finden. Aber die Aufforderung gilt auch hier, denn das ist der Sinn unseres Daseins: Ja sagen können, und uns in unserem Leben so einsetzen, dass wir auch mit dem Herzen Ja sagen können. „Lobe den Herren“, diesmal gesungen von einem kraftvollen Tenor, der viel Atem braucht, weil auf das dürre Land Ströme regnen sollen. Und über diesem Zwiegespräch, ob es möglich ist, in diesem Leben Glück zu erleben ohne sich davon zu stehlen, leuchtet strahlend hell die Liedmelodie in C-Dur, gespielt von einer Trompete. Für mich ist das wie der Sonnenstrahl durch einen tiefdunklen Gewitterhimmel, oder wie der Regenbogen der dann im Rücken steht.
Und dann wird der Fluss der Anstrengung unterbrochen, und die Ströme halten inne: Denke daran, denke, denke daran –: „Was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet“.

Vor der kurzen Schlussstrophe müssen wir darüber noch einen Augenblick innehalten: Was heißt „der Allmächtige“? Der Alleskönner? Die Macht, die keine Rücksicht braucht? Potenz der Potenz, von der die Mächtigen träumen? Aber Gott ist nicht allmächtig, - nicht in diesem Sinn. Er wollte es selbst nicht so sein, sondern Gott existiert in Beziehung. Er will und kann nicht anders da sein als im Kontakt mit seinen Geschöpfen. So wie wir Gott brauchen, so braucht er uns. Seine Macht ereignet sich in unserer Begegnung. Wenn wir uns voneinander abwenden, hören wir auf zu sein. Aber das ist seine Macht, dass es dazu nicht kommt. Niemals und gegenüber keinem Geschöpf. Denke daran. Denke an seine Lebensmacht, die geschieht, indem die Liebe geschieht.
Das ganze Lied ist so falsch, wenn wir da einen Potentaten denken, der regiert wie er will und unser Lob wie eine Kapitulation von uns verlangt. Aber es ist ein Werben umeinander. Wir brauchen ihn, wir brauchen diese Kraft des Lebens, die uns trägt auch in den ganz dunklen Stunden. Und Gott braucht unser Lob, er braucht unsere Antwort, Das Leben gelingt, in dem diese Beziehung gelingt.

(5) Der Schluss, aber eben genau kein Schluss: der fünfte Vers: „alles was Odem hat, lobe mit Abra-hams Samen“. Singend verbinden wir uns der einen Gottesgeschichte, die als Menschengeschichte geschieht. „Er ist dein Licht, Seele vergiss es ja nicht.“ Geh nicht aus diesem Kontakt, auch in der Fins-ternis nicht, auch im Weinen und Schreien, fordere IHN zu dir zurück. „Lobende schließen mit Amen.“ So soll es sein.
Bei Bach ist das gleich ein siebenstimmiger Satz, die vier Chorstimmen und drei selbständige Trompe-tenstimmen. Sieben, das ist die heilige Zahl. Der Schlusschoral ist ein Vorgriff, eine Ahnung von der anderen Wirklichkeit, in der dem Loben keine Träne mehr widerspricht. So soll es sein. Amen.
Fürbittengebet
Du willst, dass diese Kirche ein Bethaus ist, ein Ort an dem unser Handeln und unsere Händel unter-brochen sind, eine Zeit in unserem Leben, die nicht Geld ist und Konkurrenz und auch nicht einsam und leer. Unsere Zeit – Deine Zeit. Für diese Zeit und diesen Ort hast Du uns Musik geschenkt, große, bewegende Musik, die das Herz berührt. Dafür danken wir Dir. Hilf, dass unsere Seele dafür Raum gibt, Achtsamkeit, Gelassenheit, einen langen Atem. Dass wir Deine Gegenwart spüren und neu ge-wiss werden, wozu du uns haben willst. Und dass wir diesen Ort und diese Erfahrung mitnehmen in die neue Woche und die Anforderungen und die Not, die uns darin begegnen werden.
Du, Gott hast Unmündigen und kleinen Kindern dein Lob in den Mund gelegt. Sie sehen und spüren zuerst, was du tust. Und sie zeigen es auch. In dieser bedrohten, zerrissenen Welt: Dass das Leben Kraft hat, dass es sich zum Guten wenden kann, dass Blinde sehen und Gelähmte gehen, dass sich Verlorenes neu findet, dass dem Tod Leben abgerungen wird, unvermutet, hoffnungsvoll.
Gott, du kennst die Länder, Orte und Häuser, in denen die Sehnsucht, das Hoffen und Bangen um solche Zeichen Deiner Nähe groß sind. Völker im Aufruhr wie Syrien und Myanmar, Gefängniskerker, in denen der Mut verloren geht und der Wille gebrochen, dürres Land, das nicht genug zum Leben trägt, das auf unsere Solidarität angewiesen ist wie der Niger und weite Landstriche des Sahelgürtels, die Häuser der Sterbenden und Häuser, in denen Menschen um ihr Leben kämpfen, die Wohnungen der Trauer, wie die um N.N., die Orte der Verzweiflung und der Angst.
Unmündige und Kinder singen dein Lob. Danke, dass sie zu uns gehören, dass wir an ihrem Leben Anteil haben, Danke für die Taufe von N.N.. Hilf uns, dass wir dem Singen Raum geben und der Liebe, dass wir etwas mitnehmen aus der Musik im Bethaus und selbst in der Liebe leben, in unseren Part-nerschaften und Familien, wie die Paare, die wir vor dir genannt haben, - in unserer Arbeit, in unserer Nachbarschaft.
Lobende schließen mit Amen. Ja, gib uns das Amen ins Herz und auf die Zunge. Nicht, dass wir zu allem Ja und Amen sagen, aber zu Dir und zu dem Leben, das du uns schenkst und zu der Zukunft, in die du uns führst. Amen.
Vater unser .....

So. 28.10.12
Predigt in der Hubertusmesse in der…
Predigt in der Hubertusmesse in der Stadtkirche Rotenburg

Liebe Gemeinde zu dieser Hubertusmesse, Jägerinnen und Jäger und ihre Familien, Menschen, die sich an der Natur in dieser Zeit freuen, Gemeindeglieder und Gäste, die wegen der besonderen Musik hier sind!

Ein Text ist bei einer Hubertusmesse quasi immer gesetzt, das ist die Hubertuslegende. Einen zweiten habe ich selbst dazu gewählt, aus dem Buch des Predigers. Zuerst die Legende, damit sie in diesem Gottesdienst präsent ist. Sie wird verschieden erzählt, mit unterschiedlichen Vor- und Nachgeschichten. Heute in dieser Form:

„Hubertus (um 655-727) war ein Sohn des Herzogs Bertrand von Toulouse. Nachdem seine Frau Floribana im Kindbett gestorben war, stürzte Hubertus sich in weltliche Vergnügungen, um seinen Schmerz zu vergessen. Als er auch an einem Karfreitag jagte, erschien ihm ein Hirsch mit einem goldenen Kreuz zwischen dem Geweih und er sprach: „Warum läufst du mir nach? Ich bin in dem Geweih des Hirsches, ich bin es, den du verfolgst!“

Tief betroffen stellt Hubertus sein ganzes bisheriges Leben in Frage, zieht sich in die Einsamkeit zurück und sucht schließlich den Bischof Lambert auf. Der schickt ihn zum Studium der Theologie nach Rom. Dort beruft ihn Papst Sergius I., welcher in einer Vision vom Tod des Bischofs Lambert unterrichtet zum Bischofsnachfolger von Tongern und Maastricht. Als Bischof verlegte Hubertus im Jahr 716 seinen Sitz nach Lüttich, wo er 727 starb.“

Man kann die Hubertuslegende nach verschiedenen Seiten hin auslegen: Was ist das, dem wir nachjagen? Und aus welchen Motiven? Welcher Schmerz, welche Trauer liegt manchem Aktionismus zu Grunde? Oder auch: auf welche Weise begegnen wir Christus? Viele erleben Gott in einer ganz besonderen Weise, wenn sie draußen sind, weit weg von den Alltagsgeschäften in der Schönheit der Natur? Und was macht das mit ihnen? Welche Änderung des eigenen Sinns ergibt sich daraus für sie?
Mit dem biblischen Text, den ich heute der Hubertuslegende gegenüberstelle, will ich eine andere Frage aufwerfen: Die nach unserem Verhältnis zu den Tieren. Was sind Tiere für uns? Wie gestalten wir diese Beziehung, die immer schon gegeben ist, selbst wenn wir mitten in einer großen Stadt wohnen?

Aus dem Buch des Predigers Kapitel 3, 19-22:
„Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an "einen" Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes hinab unter die Erde fahre? So sah ich denn, dass nichts Besseres ist, als dass ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil. Denn wer will ihn dahin bringen, dass er sehe, was nach ihm geschehen wird?“

Liebe Hubertusgemeinde!

Das ist ein Stück ungepredigter Bibel. In den Lesungen und Predigttexten unserer Kirche kommt dieser Text sonst nicht vor. Das scheint dann doch zu sehr unserem Selbstverständnis als Menschen entgegen zu stehen. Auf eine Stufe mit dem Vieh? Das hat mit unserem Alltagsverständnis nichts zu tun. Wie bunt, lebendig, ganz eigener Art ist doch unsere Menschenwelt: mit Häusern und Straßen, mit Musik und Kultur, mit Geld und Philosophie: wirklich eine eigene Welt! – Und die Welt der
anderen Geschöpfe ist der gegenüber Um-Welt – nichts anderes. Welt und Umwelt – das ist das Verhältnis. Ja, wir haben gelernt, dass wir die Umwelt schützen und bewahren müssen. Umweltschutz ist unzweifelhaft eine der vordringlichsten gesellschaftlichen Aufgaben. Wir wissen, wenn die Umwelt zerstört wird, ist auch die Menschenwelt gefährdet. Aber vielleicht doch nicht unmittelbar? Manchmal scheint so eine Idee auf, dass wir die Künstlichkeit unserer Welt so weit treiben könnten, dass die Menschheit auch überleben kann, wenn vieles andere schon zerstört ist. Eine Zukunft ohne Eisbären und Tiger, ohne Orang-Utan und Nashorn, - aber den Menschen gibt es weiter. Das ist ja leider nicht unwahrscheinlich. Welt und Umwelt, die Menschen und die Tiere – beides scheint sich doch in einer großen Distanz gegenüber zu stehen.

Und da nun dieser Text und in seinem Licht die Hubertuslegende. Warum ist Hubertus eigentlich der Schutzheilige der Jäger und nicht der Tiere? Ist das nicht der eigentlich radikale Gedanke in dieser Legende: Christus identifiziert sich mit dem Tier. Warum verfolgst du mich. „Was Ihr einem dieser geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan“ – sagt nach dem Matthäusevangelium Jesus Christus im Blick auf hungernde, durstende, ungekleidete, flüchtende, gefangene Menschen:
Ich, Christus, in ihnen. Wenn Ihr mich sucht, nehmt ein Kind auf. Wenn ihr mir nahe sein wollt, geht auf den Fremden vor eurer Tür zu.
Aber das ist in dieser Legende noch radikaler: Den Christus, den von Gott Gesalbten, finden wir auch in diesem verfolgten Tier. Das Kreuz über dem Geweih meint ja genau dies: haben beide einerlei Odem – Lebendigkeit von Gott in diesem Tier wie im Menschen. So wie die Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel festhält: die Tiere und der Mensch wurden am selben Tag erschaffen. Der Mensch, König, Erfinder, Künstler und Philosoph zusammen mit den Tieren des Feldes, ein jedes nah seiner Art, und dem Vieh nach seiner Art und allem Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Wie ist unser Verhältnis zu den Tieren? Bei der Jagd, zuhause im Umgang mit den Tieren, die vielleicht bei uns wohnen, in unserem Alltag, beim Autofahren, beim Einkaufen, bei den Mahlzeiten?
Was sind die Tiere für uns?

Bei mir selbst erschrecke ich über die tiefe Widersprüchlichkeit: In unseren Garten an der Goethestr. kommen regelmäßig Rehe. Wenn sie da sind, stehen meine Frau und ich oft staunend am Fenster: Was für edle Tiere, welche Schönheit und Würde. Ihre Scheuheit wirkt wie Unantastbarkeit. Und haben wir wirklich mehr Recht auf die Schönheit der Rosenblüten als sie auf ihren Geschmack? Aber wenn ich dann auf den Straßen hier unterwegs bin mit den vielen Dreifüßen: Wie viel Langsamkeit
mute ich mir und anderen dann wirklich zu, um bloß nicht eines dieser schönen Tiere zu verletzen? Die beiden Katzen in unserem Haus sind ein Stück Lebensqualität und eine tägliche Predigt des Evangeliums: Wie das bei Matthäus über die Vögel steht, die sie manchmal jagen: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und sind doch auch schöner gekleidet als Salomo in aller seiner Herrlichkeit. Sorge nicht. Das Leben würde sich anstrengender anfühlen ohne sie. Und Tiere, die uns begleiten und zunutze sind: wie die Hunde der Jäger und Pferde der Reiter. In einem Stall las ich vor kurzem: „Wenn der Mensch denkt, dass sein Pferd nichts fühlt, dann fühlt das Pferd, dass der Mensch nicht denkt.“ Das ist eben doch tatsächlich eine ganz tiefe Bindung, zu denen Menschen und Tier da wechselseitig in der Lage sind. Auch wenn wir uns in die Seele eines Tieres nicht einfühlen können: dass nicht nur wir zu ihnen, sondern sie auch eine Beziehung zu uns haben, das wissen und spüren wir eben doch.
Und die Tiere, die wir essen? Über deren Existenz und deren Bedingung ich normalerweise nicht nachdenke? Vielleicht noch bei einem Festessen mit einem sehr schönen Stück Fleisch: Dass mir das Leben dieses Tieres für einen Augenblick bewusst wird und ich Dankbarkeit empfinde, dass ich es schmecken und von seiner Kraft leben darf. Aber dieses ungezählte Alltagsfleisch in Würsten und Soßen, in Salaten mit Putenstreifen und Lachssstückchen? Hält das Stand vor diesem Text? „Und
haben alle einerlei Odem und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh – wer weiß, ob der Odem Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehs hinab?“
Das ist wahrscheinlich das Schlimme, das, was nicht stimmt in unserem Umgang mit den Tieren: nicht das Töten selbst, nicht, dass wir auch von den Tieren leben, sondern diese Nichtbeziehung, dieser nur instrumentelle Umgang mit den Mitgeschöpfen, Zweck für etwas anderes, selbst gar nicht in unserem Blick. Eben genau wie der Hirsch, den Hubertus jagt: zufälliges Objekt seiner blinden Trauer, seines Jagdinstinkts, mit dem er übertüncht, was ihn im Innersten umtreibt. Und genau in diesem Moment spricht der ihn an: was verfolgst du mich? Was auch bedeutet: Wer bist du, dass du mich verfolgst? Wer bist du, Mensch, der sich in eine solche Nichtbeziehung versteigt? Der du dich herauslöst aus allen natürlichen Zusammenhängen, der du dich erhebst? Und genau so verlierst? Für Hubertus führt die Begegnung auf der Jagd zu einer vollkommenen Neuorientierung seines Lebens, nicht einfach nur, dass er nicht mehr am Karfreitag jagen geht, sondern, dass er noch einmal neu nachdenkt, wer er selbst eigentlich ist und sein will. Die Begegnung mit dem anderen Geschöpf als eine Chance, sich selbst noch einmal neu und anders zu verorten zwischen Himmel und Erde. Was, wenn wir uns nicht von der Krone her denken, von oben, von der Macht und Fülle menschlicher Möglichkeiten, sondern von unten her, von unserer eigenen Geschöpflichkeit her näher bei den Tieren? Wenn wir uns verstehen ausgehend von den Grundbedürfnissen, die ein Mensch hat so wie auch ein Tier, von der Zuwendung her, auf die wir angewiesen sind, von der Achtung und vom Staunen her. Wenn wir uns selbst denken und entwerfen von dem konkreten Ort her, an dem wir
leben, und von den Menschen und Tieren her, mit denen wir diesen Ort teilen, - ausgehend von unserer Verantwortung, aber auch von den Grenzen unseres Überblicks? Was , wenn wir unser Leben auch verstehen von seinem Ende her: Dass wir sterben wie alle Geschöpfe und auf dieser Erde auf die Länge nichts bleibt und auch nicht bleiben muss, letztlich uns denken von Gott her, der uns ins Leben gerufen hat und zu sich zurückholt, der uns den Atem gegeben hat und wieder nehmen wird?
„Denn so sah ich denn, dass nichts Besseres ist, als dass ein Mensch fröhlich sei in seinem Tun, - im Einklang mit dem, was ihn umgibt, stimmig zu sich und dieser Welt, - denn das ist sein Teil. Wer wird einen Menschen aber dazu bringen, dass er sehen kann, was nach ihm geschehen wird?“ Amen.

Mo. 28.05.12
Pfingstpredigt auf dem Pferdemarkt in…
Pfingstpredigt auf dem Pferdemarkt in Rotenburg

Frühstück bei Stefanie: „Du sag mal, der Heilige Geist ist doch irgendwie unsichtbar, oder? - Wie kommst du denn jetzt darauf. - Na, ich denk ja nur, wegen Pfingsten und so. Da ist er doch irgendwie tätig gewesen. Ja, und da denk ich: Wenn er unsichtbar ist, dann geht er natürlich nicht für so Schokogeschichten wie Nikolaus, Weihnachtsmann, Osterhase. Nun, ich mein nur: Eventmäßig ist Pfingsten doch ziemlich verpennt.“
Liebe Gemeinde, hier nicht! Das ist doch ein eindrucksvolles Ereignis an jedem Pfingstmontag seit sieben Jahren, dass wir, die Christinnen und Christen aus sieben Gemeinden in Rotenburg, diesen Gottesdienst zusammen feiern. Das ist doch ein Event. Und das wäre an keinem anderen Datum so passend wie gerade zu Pfingsten. Wegen des Heiligen Geistes, der da irgendwie tätig gewesen ist.
Allerdings, das Problem seiner Unsichtbarkeit bleibt dennoch. Der Geist lässt sich nicht in Schokolade gießen, meinte eine Kollegin irgendwie tröstend. So lässt er sich nicht fassen. Aber wie dann?
Bei unserer Vorbereitung für heute in einem sehr bunten Kreis von Mitarbeitenden aus unseren Gemeinden haben wir uns auf ein Gedankenexperiment eingelassen, und dazu laden wir Sie jetzt auch ein. In der Bibel gibt es viele Arten, vom Geist Gottes zu sprechen. Da ist die Erzählung, die wir vorhin gehört haben: Ein großes Wunder, dem sich unser Fest heute verdankt, ein plötzlicher Wechsel der Stimmung, ein Durchbruch, Begeisterung, Feuer und Flamme sein, sich verstehen über Grenzen hinweg, sich in den Armen liegen, plötzlich wissen, dass wir zusammen gehören, und dass das wichtiger ist als alles, was uns trennen könnte. Und nicht wenige warten und hoffen auf ein solches Pfingstfest neu in unserer Zeit. Jetzt muss es doch geschehen.
Aber Geistesgegenwart gibt es auch anders. Die Apostelgeschichte geht ja davon aus, dass das Wunder schon geschehen ist, dass der Geist schon wirkt. Wer jetzt in die Gemeinde kommt, der sieht keine Flämmchen und hört auch keine fremden Zungen, sondern begegnet ganz vernünftigen, überlegten Leuten, die allerdings – hoffentlich - ein Stück präsenter sind als andere, etwas bewusster, die tiefer fragen und weiter denken, die sich mit der Oberfläche nicht zufrieden geben, die nach dem Sinn fragen und mit ihm rechnen, die die Unterströmung der Weisheit Gottes erspüren, die da ist und fließt und die wir entdecken und aus der wir schöpfen können.
Am Anfang des Gottesdienstes haben wir von dieser Weisheit gehört, die eine Daseinsweise des Geistes Gottes ist:
„Gott schuf mich zu Beginn seiner Wege, als Erstes seiner Werke. Als er den Himmel ausspannte war ich dabei. Als er einsenkte die Fundamente der Erde: Ich war der Liebling an seiner Seite. Ich spielte die ganze Zeit vor ihm und meine Freude waren die Menschen.“
Ausdruck der Weisheit, Verdichtungen eines geistvollen Blicks auf unser Leben sind die Sprichworte, die die Weisheit um sich sammelt und aus sich gebiert. Die Bibel ist voll davon, und viele sind ein Teil unserer Alltagswelt geworden. Erinnerungen, dass es um Sinn geht, dass in dem, was uns alltäglich begegnet, eine größere, tiefere Geschichte spielt.
Der Geist kennt keine kulturellen und religiösen Grenzen. Und die Weisheit verbindet da Verschiedene. Darum finden sich vergleichbare Sinnsätze in allen Kulturen, in einer unerhörten Vielfalt und Buntheit. Hier an der Bühne finden Sie eine Auswahl, aber wir wollen sie mit Ihrer Hilfe noch weit größer machen. Dafür haben Sie alle einen Stift und eine Karte in der Hand. Wir bitten Sie um Ihr Sinnwort, ein Sprichwort, das Ihnen vertraut ist, das ihnen schon einmal einen Anstoß gab, noch einmal genauer hinzuschauen, besser zu verstehen. Es gibt keine Begrenzung, woher das kommen kann. Und gern unterhalten Sie sich dabei einen Augenblick nach rechts und links: Wo ist mir dieses Weisheitswort begegnet, wo benutze ich es und dann schreiben Sie es auf ihre Karte. Gern in großen, gut lesbaren Buchstaben.
Wir werden diese Sinnworte einsammeln und später, neu verteilt, Ihnen zurückgeben. Den Geist fassen? Vielleicht ist das eine Form. Aber wie gesagt, das ist ein Experiment. Wir beurteilen das am Ende gemeinsam. Und nun viel Freude mit den Nachbarn, und vergessen Sie nicht zu schreiben!
Musik von Sound of Life – dann Einsammeln der Karten – dabei das Lied zum Mitsingen: Wo ich auch stehe, du warst schon da...

Eine Auswahl von Sprichworten:
Ein wahrer Gelehrter schämt sich nicht, einen einfachen Mann zu fragen. (Chinesisch)
Ein gutes Wort wärmt drei Winter lang. (Chinesisch)
Wenn die Gazelle springt, sollte da ihr Kitz kriechen? (Westafrika)
Wer sich in einer Sänfte tragen lässt, weiß nicht, wie weit es bis zur Stadt ist. (akrikanisch)
Der Strand begrenzt nicht das Meer, sondern das Meer den Strand. (Russisch)
Hast du es eilig, gehe langsam. (Japanisch)
Lege das Ruder erst aus der Hand, wenn das Boot an Land ist.
Wirf keinen Stein in den Brunnen, aus dem du schöpfst. (Jüdisch)
Wer fühlt, was er sieht, tut, was er kann.
Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber Gott allein lenkt seinen Schritt. (Die Bibel)
Besser ein Teller Gemüse und Liebe dazu, als ein Mastochse und Hass dabei. (Die Bibel)
Ein gereizter Mensch entfacht Streit; ein geduldiger Mensch aber glättet die Wogen. (Die Bibel)
Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte gewinnt. (Die Bibel)
Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall. (Die Bibel)
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
Allen erscheint ihr eigener Weg recht; aber Gott prüft die Herzen. (Die Bibel)
Man fällt nicht, weil man schwach ist, sondern weil man meint, stark zu sein. (jüdisch)
Die Welt ist größer als das Fenster, das du ihr öffnest.
Niemand kann zwei Herren dienen. Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. (Jesus)
Was würde es einem Menschen helfen, wenn er die ganze Welt gewinnt und nimmt doch Schaden an seiner Seele. (Jesus)
Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Die Bibel)
Vielen Dank für alles, was Sie aufgeschrieben haben und was nun hier vorne hängt. Eine Fülle von Sprichworten, Bohrungen nach Sinn, Ankerpunkten für unser Verstehen in der Tiefe. Das, was aufgeschrieben ist, kommt zu Ihnen zurück, wie gesagt, neu verteilt, und vielleicht öffnet das Wort, das Sie bekommen, ein neues Fenster. Denn die Welt ist so viel größer als das Fenster, das jeder für sich ihr öffnet.

Liebe Gemeinde!
„Der Strand begrenzt nicht das Meer, sondern das Meer den Strand.“ Das ist eine wichtige Funktion von Sinn- und Sprichworten. Sie kehren die Perspektive um. Das hilft auch für das Verständnis des Kernsatzes der Pfingstpredigt des Petrus: „Was Ihr erlebt, ist das wovon der Prophet Joel geschrieben hat: Am Ende der Zeit werde ich meinen Geist über alle Menschen, (oder im ursprünglichen Text noch radikaler:) über alles Fleisch ausgießen.“
Das ist die entscheidende Frage: Ist das jetzt Realität oder hoffen wir noch immer auf unbestimmte Zeit? Gehen wir davon aus, dass diese Welt, sogar ihre Körperlichkeit, also diese konkrete Welt von
Gottes Geist durchdrungen ist, oder sehnen wir uns woanders hin und nehmen es mit dem, was uns umgibt, nicht so genau?
Es mag wohl so erscheinen, als sei der Strand fest und das Meer kommt und geht. Aber es ist umgekehrt: Das Meer ist Anfang und Ende und umspült unser Land. Nach dieser Zeit, d.h. um unsere Zeit herum, um das kleine Stückchen Wirklichkeit, das wir überschauen und verstehen mit unserem Verstand und unserem Geist, - darum herum ist Gott, sein Geist. Und wir können ihn berühren wie der Strand das Meer, und wir können von ihm begeistert und durchdrungen werden und Dinge verstehen, die unsern eigenen Verstand übersteigen.
Was heißt Pfingsten? Gab es davor keinen Geist Gottes? Hat er ihn da noch zurückgehalten? Zerteilt der Anlass dieses Festes die Welt in unterschiedliche Zeitalter: mit und ohne Geist? Kein Wunder, dass dann Leute sagen, mit der Unsichtbarkeit dieses Festes hätten sie ihre Probleme. Das, was da behauptet wird, ist doch nicht da, nicht verlässlich, auch nicht in der Kirche, in keiner unserer Konfessionen, und wenn wir das noch so selbstbewusst behaupten wollten. Es müsste in jedem Fall doch noch einmal ein neues, richtiges Pfingstfest werden.
Aber Davor und Danach sind relativ. Das ist nicht ein für allemal. In jeder Situation zerteilt sich unsere Zeit in mit oder ohne Geist, in geistlos – unachtsam - in den eigenen Interessen gefangen – erschöpft – gelangweilt - unkritisch oder in: begeistert – selbstvergessen – ermutigt – gestärkt – brennend – wachsam - geistesgegenwärtig. Niemand ist nur das eine und niemand nur das andere. Uns allen gilt diese Zusage: Gott gießt seinen Geist aus auf jede und jeden. In jedem Augenblick können wir von hier nach dort gelangen, aus der Blindheit ins Erwachen.
Wie das geschieht? Unter der Voraussetzung, dass der Geist schon da ist? Dass wir nicht warten auf das ferne einschneidende Wunder? Dass wir uns selbst auf den Weg machen?
An Jesus selbst können wir lernen, wie das geschieht. Nicht von oben. Nicht belehrend. Nicht auf eine Autorität verweisend: „Es steht geschrieben. Gott hat gesagt.“ Sondern genau umgekehrt: Ihr wisst die Antwort schon. Sie ist schon in Euch.
Was sagt Ihr z.B.: Wer ist dem unter die Räuber Gefallenen der Nächste geworden? Wenn du von dem anderen her denkst, was heißt dann Nächster sein? Oder wer unter euch, der 100 Schafe hat und eines verläuft sich, geht dann nicht das eine suchen? Wenn es euer Tier ist, würdet ihr wirklich aus ökonomischem Kalkül das Risiko scheuen und das eine sterben lassen? Ihr wisst, dass die Herrscher dieser Welt ihre Völker niederhalten. Und bei euch? Wie wollt Ihr es denn selbst? So soll es doch nicht sein. Sondern? Wer der erste sein will, dient allen. Wie sonst? Und was würde es einem Menschen helfen, wenn er die ganze Welt besitzen könnte und nimmt doch Schaden an seiner Seele? Da sind die Verhältnisse doch auch klar, oder? Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat. Das wissen wir.
Wir wissen die Antworten alle. Sie sind um uns, sie sind in uns, wie das Wasser, das den Strand umspült.
Und wir wissen die Antworten auch konkret: Was erntet man von Dornbüschen? Trauben etwa? Oder Feigen? Wie sollte aus Gewalt Frieden erwachsen? Wie sollte durch Geld eine menschliche Not befriedigt werden? Wie sollte aus Arroganz Freundschaft entstehen?
Gott traut uns zu, aus seinem Geist zu leben. Die Engländer nennen das Common sense: Der Sinn, der in allem ist. Die Wahrheit, die wir erkennen können. Mit gesundem Menschenverstand. Mit der Bereitschaft, sich einzufühlen, mit der Entschlossenheit, über sich selbst hinaus zu gehen und als ein Jünger, eine Jüngerin von Jesus zu leben.
Der Geist ist nicht simpel, aber er ist klar. Das Sprichwort selbst ist die Antwort noch nicht, aber es ist wie das Flussbett, durch das der Sinn einströmt. Vor allem unterbricht es das oberflächliche Reden, die Alltäglichkeit, in der sich die Dinge einfach immer fortsetzen.
Geistesgegenwart kann niemand machen, aber wenn Gottes Geist schon ausgeschüttet ist, wie sollten wir dann jenseits seiner Gegenwart leben können, - leben wollen?
Das ist nicht immer ein Event, und manchmal scheint es fast unsichtbar. Aber es ist unser einmaliges, kostbares Leben, mit dem wir Gottes Gegenwart, seinen Geist bezeugen. Amen.

So. 06.05.12
Gottesdienst am Sonntag Kantate mit der…
Gottesdienst am Sonntag Kantate mit der Aufführung der Chorkantate BWV 137 in der Stadtkirche Rotenburg

Guten Morgen, Ihnen liebe Gemeinde aus Sängerinnen und Sängern der Stadtkantorei, aus den Solis-ten und den Musikern der Bremer Ratsmusik, aus den Mädchen und Jungen der KinderKantorei, aus Ihnen und Euch, den Jungen und Alten, den Bachfreunden und denen, die nun nicht extra wegen der Musik gekommen sind, aus denen die mit Trauer und Sorge hier im Gottesdienst sind und den ande-ren, denen „Lobe den Herren“ aus einem fröhlichen Herzen kommt!
Am 25. Juni 1708 schreib der damals 23-jährige Organist Bach im Entlassungsgesuch an den Rat der Stadt Mühlhausen, er habe dort „seinen Endzweck, nemlich eine regulirte kirchenmusic zu Gottes Ehren“ nicht erreichen können; er hoffe aber „auf die Erhaltung meines endzweckes wegen der wohlzufaßenden kirchenmusik“ in seiner nächsten Position in Weimar.
Bachs Endzweck - eine eigentümliche Formulierung - das ist die Gestaltung einer regulierten Kir-chenmusik. Darunter verstand er das Komponieren und Aufführen von Kantaten im Gottesdienst. Das war nach seiner Auffassung seine eigentliche Bestimmung in dieser Welt. Die Frucht davon erleben wir heute durch das besondere Engagement von Kantor Karl-Heinz Voßmeier und allen, die mit ihm musizieren:
Im Mittelpunkt steht eine Kantate, die selbst gewissermaßen Bachs Endzweck oder Bestimmung zum Thema hat: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, BWV 137. Aufgeführt im Rahmen des Gottesdienstes am Sonntag Kantate erinnert sie uns selbst an unsere Bestimmung und Aufgabe, dass auch wir Antwort geben auf das Leben, das uns geschenkt wurde und einstimmen in den Chor aller Geschöpfe, die das Leben und seinen Schöpfer preisen. Dazu helfe uns Gott – bei allem, was für uns jetzt auch dagegen stehen mag. Amen.
Psalmgebet: Psalm 98
Kyrie-Gebet
Oft, Gott, haben wir das neue Lied nicht auf den Lippen. Haben keine Idee von seinem Text, trauen uns die neuen Klänge nicht zu.
Oft sind wir gefangen in ganz alten Melodien unserer Gewohnheiten, unserer Angst, der Konflikte, in denen wir gefangen sind, den Vorurteilen, mit denen wir auf die Welt schauen.
Deshalb sind wir angewiesen auf dich, du Inspiration unseres Lebens.
Lass dein neues Lied in unseren Herzen entstehen, und schenke uns den Mut und den Atem es anzu-stimmen, den Ton der Liebe, den Klang der Hoffnung auf deine Zukunft. Amen.
Vorspruch zum Gloria
Wenn Gottes Geist uns erfüllt und die Kraft seiner Liebe in uns Raum gewinnt, bleiben wir nicht stumm. Dann wird unser Leben verwandelt und vom Klang des Evangeliums erfüllt.
Wenn er uns die tröstenden Worte schenkt und Melodien, die das Herz leicht machen, wenn wir uns verbinden mit den Stimmen der Natur und für den Chor seiner Engel aufmerksam sind, dann klingt schon jetzt Gottes Lob hell und klar.
Eingangsgebet
Barmherzig und gnädig bist du, Gott, geduldig und von großer Güte. Darum gib unserem Leben ei-nen neuen Klang, stimm uns freundlich auf dich ein und lass uns in dem Chor, der dir singt, die eigene Melodie finden. Lass uns nicht vergessen, was du uns Gutes getan hast, dieses Leben und seinen unfassbaren Zauber, und dass du uns freundlich begleitest heute und an allen Tagen im Leben und im Sterben. Amen.
Hans-Peter Daub, Goethestr. 20, 27356 Rotenburg, siehe auch www.kirche-rotenburg.de
Evangelium: Lesung aus Matthäus 21,12 bis 17 – Neue Genfer Übersetzung
Jesus ging in den Tempel und wies alle hinaus, die dort Handel trieben oder etwas kauften.
Er warf die Tische der Geldwechsler und die Sitze der Taubenverkäufer um und sagte zu ihnen:
»Es heißt in der Schrift: ›Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein.‹ Ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus!«
Während er im Tempel war, kamen Blinde und Lahme zu ihm, und er heilte sie.
Aber die Wunder, die er tat, und der Jubel der Kinder, die im Tempel riefen: »Gepriesen sei der Sohn Davids!«, erregten den Unwillen der führenden Priester und der Schriftgelehrten.
»Hörst du eigentlich, was die da rufen?«, sagten sie zu ihm.
»Gewiss«, erwiderte Jesus. »Habt ihr das Wort nie gelesen: ›Unmündigen und kleinen Kindern hast du dein Lob in den Mund gelegt‹?«
Damit ließ er sie stehen, verließ die Stadt und ging nach Betanien.
Predigt über Lobe den Herren (EG 317)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Bruder und Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde!
Der heutige Predigttext ist das Lied, das der Kantate zugrunde liegt. Wir haben vier der fünf Strophen schon gesungen. Unter der Nummer 317 im Gesangbuch haben Sie den Text auch in der Hand.
„Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren. Kommet zuhauf! Psalter und Harfe wacht auf! Lasset den Lobgesang hören!“
Es ist ausgesprochen erstaunlich, dass ausgerechnet „Lobe den Herren“ das wohl erfolgreichste, be-liebteste deutsche Kirchenlied ist.
In unserer Welt, angesichts der Not in so vielen Leben: diese fünf Verse, die so voller Überschwang das Vorfindliche zu loben scheinen: - alles so herrlich regieret, - künstlich und fein dich bereitet, - Ge-sundheit verliehen, - freundlich geleitet, sichtbar gesegnet, - mit Strömen der Liebe geregnet.
Wovon spricht der Liederdichter? Und wie welt- und selbstvergessen scheinen wir, wenn wir aus vol-lem Herzen einstimmen?
Oder ist es das Lied für den glücklichen Augenblick, für das schöne Fest, die Höhepunkte im Leben? Wenn wir eine kirchliche Trauung besprechen, dann kommt dieser Liederwunsch, meist mit der Be-merkung: „Das können alle mitsingen. Und das passt da ja gut.“
Und das wäre ja ein schönes Zeichen über unserem Leben, dass es diese Augenblicke gibt, - anschei-nend doch so häufig, dass sich die dazu passenden Strophen einprägen. „Der Deinen Stand sichtbar gesegnet.“
Bei einer Andacht zum 80sten Geburtstag, z.B.: Wenn da Kinder sind mit ihren Familien, Freunde, Nachbarinnen. Wenn es möglich ist, auszugehen und in großer Runde ein gutes Essen zu genießen. Und die Pastorin oder der Pastor kommt, und wir stimmen gemeinsam an. Dann wissen in dem Mo-ment auch viele, dass es ganz andere Zeiten gab. Die Flucht, die schwere Krankheit eines Enkels, der Tod des Mannes vor fünf Jahren. Aber jetzt, in diesem Augenblick ist alles gut gefügt. Wir sind durch-gekommen, bis heute. Wir haben einander. Der Tag ist so hell. Jetzt gerade regiert Gott doch tatsäch-lich alles so herrlich.
Hans-Peter Daub, Goethestr. 20, 27356 Rotenburg, siehe auch www.kirche-rotenburg.de
Du sollst auch nicht undankbar sein. Darum wird es dieses Lied geben. Darum sollst du es auch mit-singen, wenn es gerade nicht gut ist. Dann erinnert es dich an die guten Zeiten und stärkt das Ver-trauen, dass es auch wieder anders werden kann.
Durchgemogelt? Zurechtgebogen? In einer Welt, die nicht gut regiert ist, sich an den Augenblicken freuen, in denen es anders scheint? Und dann nicht von den Schatten reden? Tief Luft holen – und man muss wirklich tief einatmen, um diese erst Zeile in einem Bogen singen zu können – 18 Takt-schläge, wo man sonst nach 8 oder höchstens 10 wieder atmen kann – und dann durch und mal nicht an das denken, was dagegen steht...
Manche können das. Und andere lehnen es ab, weil es ihnen nicht ehrlich erscheint, weil sie einen Glauben, der die glücklichen Ausnahmen feiert und sich um den Rest dann zu drücken scheint, ableh-nen. Ganz grundsätzlich - wie die große evangelische Theologin Dorothee Sölle, die meinte, das Lied geht nicht mehr nach Ausschwitz. Oder bitter persiflierend wie Berthold Brecht, der in seinem großen Dankchoral die Kälte lobt und die Finsternis und das Verderben! „Schauet hinan: Es kommt nicht auf euch an. Und ihr könnt unbesorgt sterben.“
Nachher hören wir die Kantate von Johann Sebastian Bach zum Lied. Das ist helle prächtige Musik, - mit Pauken und Trompeten, ursprünglich für den Sommer komponiert, - der 12. nach Trinitatis oder vielleicht auch aus Anlass einer Ratswahl, ein großes Fest in Leipzig - oder eben jetzt für diesen festli-chen Kantatengottesdienst. Genau an dieser im ersten Hören so strahlenden Musik habe ich neu ver-stehen gelernt, dass das Lied nicht die Ausnahme meint, sondern den „Endzweck unseres Daseins“, wie das Bach selbst ausgedrückt hat. Dass in allen Formulierungen des Liedes der Widerspruch, das Elend, auch das Unrecht unserer Existenz nicht ausgeblendet, sondern einbezogen ist. Und dass das vielleicht niemand genauer zu Tage gebracht hat als Bach mit seiner Musik.
Darum folgen jetzt einige Hörhilfen, die Sie hoffentlich nachvollziehen können, und die den Text noch einmal ganz anders zu verstehen lehren:
(1) Gleich der Eingangschor: strahlendes C-Dur, gespielt von einem großen Barockorchester, auch wenn jede Stimme heute nur einfach besetzt ist: Streicher und Oben, dazu drei strahlende Trompeten und Pauken, die einen klaren Rhythmus geben. Und trotzdem ist die Musik von Anfang nicht glatt: ein Echospiel von Oboen und Geigen und im Thema eine eigenartige Synkopierung, eine kleine Verschie-bung der Betonung. Wenn die Chorstimmen nacheinander einsetzen, ahnt man, dass das nicht leicht zu singen ist. Ein wirklicher Aufschwung. Eine Anstrengung. Trotz des schnellen, leichten Tempos. Aber das Lob fließt nicht einfach, weil das Herz voll ist über so viel Glück. Man spürt den Auftrag. Das Selbstgespräch: Lobe, meine Seele. Tu, was Deine Bestimmung ist. Schwing Dich dazu auf. „Das ist mein Begehr.“ – Das ist nicht Spaß wie das Lied, das mir im sonnigen Frühling auf die Zunge kommt. Sondern es ist, wonach ich eine Sehnsucht habe: Dass das Leben stimmig ist und dass ich darum sin-ge. Aber das ist eben gerade nicht selbstverständlich.
Gedichtet hat den Text nicht die lebenssatte Jubilärin sondern Joachim Neander, ein 25-Jähriger, der ein schweres Leben hat. Er ist Theologiestudent aus einer Pastorenfamilie in Bremen, begeistert von den pietistischen Predigten eines Zeitgenossen, der lehrt, dass der Glaube nicht ein bürgerliches Ac-cessoire ist, eine Art Anstecknadel in Kreuzform, sondern dass es um eine Haltung geht, einen Auf-trag, eine Bestimmung für das ganze eigene Dasein. Die Bedingungen, unter denen Neadner seine Bestimmung leben kann, sind schwer. Eine Pfarrstelle gibt es für ihn nicht, er schlägt sich durch mit einer karg bezahlten Schulstelle in Düsseldorf. Dort findet er Menschen, die verstehen, was ihn im Innersten umtreibt, die auch nach diesem Ernst einer Existenz im Vertrauen fragen. Mit ihnen feiert er nachmittags draußen in dem Tal, das viel später tatsächlich nach ihm Neanderthal benannt wird, Bibelstunden und Gottesdienste. Hier entsteht sein Lied. In einem äußeren Sinn ist da gar nichts gut regiert, und nichts sicher geführt, und Gesundheit in dem Sinn, wie wir das verstehen, ist Neander auch nicht verliehen. Er stirbt nur wenige Jahre später 30 Jahre alt. Aber er fordert seine Seele auf zu dem, was ihre Bestimmung ist: Gott, dem Schöpfer Antwort zu geben, mit IHM im Gespräch zu sein, - zu loben – Ja zu sagen.
Bach hat das verstanden – durch und durch. Das zeigt schon der Eingangschor mit den anspruchsvol-len Chorstimmen, die ganz polyphon geführt werden, vielstimmig wie das Ringen in uns selbst, bis der
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Cantus firmus, der klare Lobvers über dem allen im Sopran erklingt. Nur an einer Stelle ist der Satz homophon, ein gemeinsamer, gleichmäßiger Klang: „Kommet zu Hauf. Psalter und Harfe wacht auf.“ Es ist ein errungener Augenblick, in dem die Anstrengung der Seelen, ein Ja zu gewinnen, zusammen stimmen zu dem harmonischen Klang einer Gemeinde. Aber der Zusammenklang in einer Gemeinde setzt voraus, dass wir uns selbst rufen lassen, dass wir uns selbst auf den Weg machen, dass wir, jede und jeder für sich Antwort geben und Antwort wagen.
(2) Die zweite Strophe – sicher die, die am meisten missverständlich ist. Auch in der Musik. Es klingt ein beschwingter Neunertakt, darüber eine bewegte Solovioline. Und dann setzt in ganz klaren No-tenwerten die Choralmelodie ein: der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt; hast du nicht dieses verspüret? Immerhin lässt die Frage am Ende erkennen, dass sich solche Sätze ganz und gar nicht von selbst verstehen, ja, dass es wohl zynisch wäre zu unterstel-len, als würde der Lebensweg, der Menschen zugemutet wird, ihnen gefallen wie einem ein Klei-dungsstück gefällt. Das ist doch ein Weg, ein schmerzhafter Weg, bis das, was uns zufällt, wirklich so genommen und verstanden ist, dass wir es uns „ge-fallen“ lassen können. Vielleicht hilft eine Erinne-rung daran, woher Neander das Bild von den Fittichen eines Adlers hat: Das entstammt dem Lied des Mose vor seinem Sterben, aufgeschrieben im 5. Buch Mose: „Gedenke, Israel, der vorigen Zeiten. Gott sah dich in der Wüste. Er hatte auf dich acht und behütete dich wie seinen Augapfel, wie ein Adler ausführt seine Jungen und über ihnen schwebt, so breitete er seine Fittiche aus und leitete dich.“
Man muss die Wüste mitdenken, den Kampf und die Anstrengung dieses Weges, sonst ist das nicht verstanden. Oder wie Bach: Er hat, was da gesagt ist, noch einmal neu als Verheißung verstanden, nicht Beschreibung unserer Gegenwart, sondern Hoffnung für die Zukunft. Deshalb hat er dasselbe Musikstück, diesen 2. Satz der Kantate Jahre später noch einmal aufgeschrieben als ein Orgelstück, aber dann die Melodie einem Adventslied zugeordnet: „Kommst du nun, Jesus, vom Himmel herun-ter“ – weil unser Lob vorauseilt, weil noch gar nichts herrlich regiert ist, weil wir einstweilen noch hoffen und glauben.
(3) Die dritte Strophe – e-moll: Verschwunden ist der strahlende Klang, keine Streicher, keine Trompe-ten. Zwei Oboen spielen umeinander, dann zwei Singstimmen, Sopran und Bass – stimmlich so weit voneinander entfernt wie es nur möglich ist – als gälte es tatsächlich einen Graben zu überwinden, mit einem Widerspruch umzugehen. Die Melodie, die in der ganzen Kantate präsent ist, klingt hier nur noch in ihren ersten Tönen an. „Künstlich und fein bereitet“, - das heißt eben auch verletzlich, sterblich. „Gesundheit verliehen“, das heißt auch, dass sie uns nicht gehört, dass sie erlebt wird wie ein Glück auf Zeit. „Freundlich geleitet“ – auch auf ganz dunklem Weg. Und am meisten legt Bach in diese drei Worte hinein: „In wieviel Not“: schmerzende Chromatik, Rückungen immer einen Halbton weiter, die erkennen lassen, dass das etwas anderes ist als eine Pechsträhne.
(4) Wir sind noch nicht im Himmel, wir sind weit davon entfernt, aber wir machen doch Erfahrungen mit dem Himmel. Wir werden berührt und beglückt in unserer Mühe und Arbeit, in unserem Kummer und unserer Not. Sehr kunstvoll komponiert Bach diese Spannung in der 4. Strophe. Auch dieser Satz ist in Moll. Eine immer wieder kehrende bewegte Baßmelodie, auf und absteigend, mehr absteigend als aufsteigend, und in Sprüngen nach unten, - und immer wieder von vorn. Da wird nichts beschö-nigt. Nicht die Anstrengung eines Thomaskantors, auch nicht die existenzielle Not des Textdichters, der ein irdisches Glück in seinem Leben nicht findet. Und wir können uns und unsere Welt in dieser dunklen Grundfigur vielleicht auch finden. Aber die Aufforderung gilt auch hier, denn das ist der Sinn unseres Daseins: Ja sagen können, und uns in unserem Leben so einsetzen, dass wir auch mit dem Herzen Ja sagen können. „Lobe den Herren“, diesmal gesungen von einem kraftvollen Tenor, der viel Atem braucht, weil auf das dürre Land Ströme regnen sollen. Und über diesem Zwiegespräch, ob es möglich ist, in diesem Leben Glück zu erleben ohne sich davon zu stehlen, leuchtet strahlend hell die Liedmelodie in C-Dur, gespielt von einer Trompete. Für mich ist das wie der Sonnenstrahl durch einen tiefdunklen Gewitterhimmel, oder wie der Regenbogen der dann im Rücken steht.
Und dann wird der Fluss der Anstrengung unterbrochen, und die Ströme halten inne: Denke daran, denke, denke daran –: „Was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet“.
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Vor der kurzen Schlussstrophe müssen wir darüber noch einen Augenblick innehalten: Was heißt „der Allmächtige“? Der Alleskönner? Die Macht, die keine Rücksicht braucht? Potenz der Potenz, von der die Mächtigen träumen? Aber Gott ist nicht allmächtig, - nicht in diesem Sinn. Er wollte es selbst nicht so sein, sondern Gott existiert in Beziehung. Er will und kann nicht anders da sein als im Kontakt mit seinen Geschöpfen. So wie wir Gott brauchen, so braucht er uns. Seine Macht ereignet sich in unserer Begegnung. Wenn wir uns voneinander abwenden, hören wir auf zu sein. Aber das ist seine Macht, dass es dazu nicht kommt. Niemals und gegenüber keinem Geschöpf. Denke daran. Denke an seine Lebensmacht, die geschieht, indem die Liebe geschieht.
Das ganze Lied ist so falsch, wenn wir da einen Potentaten denken, der regiert wie er will und unser Lob wie eine Kapitulation von uns verlangt. Aber es ist ein Werben umeinander. Wir brauchen ihn, wir brauchen diese Kraft des Lebens, die uns trägt auch in den ganz dunklen Stunden. Und Gott braucht unser Lob, er braucht unsere Antwort, Das Leben gelingt, in dem diese Beziehung gelingt.
(5) Der Schluss, aber eben genau kein Schluss: der fünfte Vers: „alles was Odem hat, lobe mit Abra-hams Samen“. Singend verbinden wir uns der einen Gottesgeschichte, die als Menschengeschichte geschieht. „Er ist dein Licht, Seele vergiss es ja nicht.“ Geh nicht aus diesem Kontakt, auch in der Fins-ternis nicht, auch im Weinen und Schreien, fordere IHN zu dir zurück. „Lobende schließen mit Amen.“ So soll es sein.
Bei Bach ist das gleich ein siebenstimmiger Satz, die vier Chorstimmen und drei selbständige Trompe-tenstimmen. Sieben, das ist die heilige Zahl. Der Schlusschoral ist ein Vorgriff, eine Ahnung von der anderen Wirklichkeit, in der dem Loben keine Träne mehr widerspricht. So soll es sein. Amen.
Fürbittengebet
Du willst, dass diese Kirche ein Bethaus ist, ein Ort an dem unser Handeln und unsere Händel unter-brochen sind, eine Zeit in unserem Leben, die nicht Geld ist und Konkurrenz und auch nicht einsam und leer. Unsere Zeit – Deine Zeit. Für diese Zeit und diesen Ort hast Du uns Musik geschenkt, große, bewegende Musik, die das Herz berührt. Dafür danken wir Dir. Hilf, dass unsere Seele dafür Raum gibt, Achtsamkeit, Gelassenheit, einen langen Atem. Dass wir Deine Gegenwart spüren und neu ge-wiss werden, wozu du uns haben willst. Und dass wir diesen Ort und diese Erfahrung mitnehmen in die neue Woche und die Anforderungen und die Not, die uns darin begegnen werden.
Du, Gott hast Unmündigen und kleinen Kindern dein Lob in den Mund gelegt. Sie sehen und spüren zuerst, was du tust. Und sie zeigen es auch. In dieser bedrohten, zerrissenen Welt: Dass das Leben Kraft hat, dass es sich zum Guten wenden kann, dass Blinde sehen und Gelähmte gehen, dass sich Verlorenes neu findet, dass dem Tod Leben abgerungen wird, unvermutet, hoffnungsvoll.
Gott, du kennst die Länder, Orte und Häuser, in denen die Sehnsucht, das Hoffen und Bangen um solche Zeichen Deiner Nähe groß sind. Völker im Aufruhr wie Syrien und Myanmar, Gefängniskerker, in denen der Mut verloren geht und der Wille gebrochen, dürres Land, das nicht genug zum Leben trägt, das auf unsere Solidarität angewiesen ist wie der Niger und weite Landstriche des Sahelgürtels, die Häuser der Sterbenden und Häuser, in denen Menschen um ihr Leben kämpfen, die Wohnungen der Trauer, wie die um N.N., die Orte der Verzweiflung und der Angst.
Unmündige und Kinder singen dein Lob. Danke, dass sie zu uns gehören, dass wir an ihrem Leben Anteil haben, Danke für die Taufe von N.N.. Hilf uns, dass wir dem Singen Raum geben und der Liebe, dass wir etwas mitnehmen aus der Musik im Bethaus und selbst in der Liebe leben, in unseren Part-nerschaften und Familien, wie die Paare, die wir vor dir genannt haben, - in unserer Arbeit, in unserer Nachbarschaft.
Lobende schließen mit Amen. Ja, gib uns das Amen ins Herz und auf die Zunge. Nicht, dass wir zu allem Ja und Amen sagen, aber zu Dir und zu dem Leben, das du uns schenkst und zu der Zukunft, in die du uns führst. Amen.
Vater unser .....

So. 28.10.12
Predigt über Kohelet 3, 19 bis 22 in der…
Predigt über Kohelet 3, 19 bis 22 in der Hubertusmesse der Stadtkirche Rotenburg

Liebe Gemeinde zu dieser Hubertusmesse, Jägerinnen und Jäger und ihre Familien, Menschen, die sich an der Natur in dieser Zeit freuen, Gemeindeglieder und Gäste, die wegen der besonderen Musik hier sind!
Ein Text ist bei einer Hubertusmesse quasi immer gesetzt, das ist die Hubertuslegende. Einen zweiten habe ich selbst dazu gewählt, aus dem Buch des Predigers.
Zuerst die Legende, damit sie in diesem Gottesdienst präsent ist. Sie wird verschieden erzählt, mit unterschiedlichen Vor- und Nachgeschichten. Heute in dieser Form: „Hubertus (um 655-727) war ein Sohn des Herzogs Bertrand von Toulouse. Nachdem seine Frau Floribana im Kindbett gestorben war, stürzte Hubertus sich in weltliche Vergnügungen, um seinen Schmerz zu vergessen. Als er auch an einem Karfreitag jagte, erschien ihm ein Hirsch mit einem goldenen Kreuz zwischen dem Geweih und er sprach: „Warum läufst du mir nach? Ich bin in dem Geweih des Hirsches, ich bin es, den du verfolgst!“
Tief betroffen stellt Hubertus sein ganzes bisheriges Leben in Frage, zieht sich in die Einsamkeit zurück und sucht schließlich den Bischof Lambert auf. Der schickt ihn zum Studium der Theologie nach Rom. Dort beruft ihn Papst Sergius I., welcher in einer Vision vom Tod des Bischofs Lambert unterrichtet zum Bischofsnachfolger von Tongern und Maastricht. Als Bischof verlegte Hubertus im Jahr 716 seinen Sitz nach Lüttich, wo er 727 starb.“
Man kann die Hubertuslegende nach verschiedenen Seiten hin auslegen: Was ist das, dem wir nachjagen? Und aus welchen Motiven? Welcher Schmerz, welche Trauer liegt manchem Aktionismus zu Grunde? Oder auch: auf welche Weise begegnen wir Christus? Viele erleben Gott in einer ganz besonderen Weise, wenn sie draußen sind, weit weg von den Alltagsgeschäften in der Schönheit der Natur? Und was macht das mit ihnen? Welche Änderung des eigenen Sinns ergibt sich daraus für sie?
Mit dem biblischen Text, den ich heute der Hubertuslegende gegenüberstelle, will ich eine andere Frage aufwerfen: Die nach unserem Verhältnis zu den Tieren. Was sind Tiere für uns? Wie gestalten wir diese Beziehung, die immer schon gegeben ist, selbst wenn wir mitten in einer großen Stadt wohnen?
Aus dem Buch des Predigers Kapitel 3, 19-22:
„Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an "einen" Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes hinab unter die Erde fahre? So sah ich denn, dass nichts Besseres ist, als dass ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil. Denn wer will ihn dahin bringen, dass er sehe, was nach ihm geschehen wird?“
Liebe Hubertusgemeinde!
Das ist ein Stück ungepredigter Bibel. In den Lesungen und Predigttexten unserer Kirche kommt dieser Text sonst nicht vor. Das scheint dann doch zu sehr unserem Selbstverständnis als Menschen entgegen zu stehen. Auf eine Stufe mit dem Vieh? Das hat mit unserem Alltagsverständnis nichts zu tun. Wie bunt, lebendig, ganz eigener Art ist doch unsere Menschenwelt: mit Häusern und Straßen, mit Musik und Kultur, mit Geld und Philosophie: wirklich eine eigene Welt! – Und die Welt der anderen Geschöpfe ist der gegenüber Um-Welt – nichts anderes. Welt und Umwelt – das ist das Verhältnis. Ja, wir haben gelernt, dass wir die Umwelt schützen und bewahren müssen.
Umweltschutz ist unzweifelhaft eine der vordringlichsten gesellschaftlichen Aufgaben. Wir wissen, wenn die Umwelt zerstört wird, ist auch die Menschenwelt gefährdet. Aber vielleicht doch nicht unmittelbar? Manchmal scheint so eine Idee auf, dass wir die Künstlichkeit unserer Welt so weit treiben könnten, dass die Menschheit auch überleben kann, wenn vieles andere schon zerstört ist. Eine Zukunft ohne Eisbären und Tiger, ohne Orang-Utan und Nashorn, - aber den
Menschen gibt es weiter. Das ist ja leider nicht unwahrscheinlich. Welt und Umwelt, die Menschen und die Tiere – beides scheint sich doch in einer großen Distanz gegenüber zu stehen.
Und da nun dieser Text und in seinem Licht die Hubertuslegende. Warum ist Hubertus eigentlich der Schutzheilige der Jäger und nicht der Tiere? Ist das nicht der eigentlich radikale Gedanke in dieser Legende: Christus identifiziert sich mit dem Tier. Warum verfolgst du mich. „Was Ihr einem dieser geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan“ – sagt nach dem Matthäusevangelium Jesus Christus im Blick auf hungernde, durstende, ungekleidete, flüchtende, gefangene Menschen: Ich, Christus, in ihnen. Wenn Ihr mich sucht, nehmt ein Kind auf. Wenn ihr mir nahe sein wollt, geht auf den Fremden vor eurer Tür zu.
Aber das ist in dieser Legende noch radikaler: Den Christus, den von Gott Gesalbten, finden wir auch in diesem verfolgten Tier. Das Kreuz über dem Geweih meint ja genau dies: haben beide einerlei Odem – Lebendigkeit von Gott in diesem Tier wie im Menschen. So wie die Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel festhält: die Tiere und der Mensch wurden am selben Tag erschaffen. Der Mensch, König, Erfinder, Künstler und Philosoph zusammen mit den Tieren des Feldes, ein jedes nah seiner Art, und dem Vieh nach seiner Art und allem Gewürm des Erdbodens nach seiner Art.
Wie ist unser Verhältnis zu den Tieren? Bei der Jagd, zuhause im Umgang mit den Tieren, die vielleicht bei uns wohnen, in unserem Alltag, beim Autofahren, beim Einkaufen, bei den Mahlzeiten?
Was sind die Tiere für uns?
Bei mir selbst erschrecke ich über die tiefe Widersprüchlichkeit: In unseren Garten an der Goethestr. kommen regelmäßig Rehe. Wenn sie da sind, stehen meine Frau und ich oft staunend am Fenster: Was für edle Tiere, welche Schönheit und Würde. Ihre Scheuheit wirkt wie Unantastbarkeit. Und haben wir wirklich mehr Recht auf die Schönheit der Rosenblüten als sie auf ihren Geschmack? Aber wenn ich dann auf den Straßen hier unterwegs bin mit den vielen Dreifüßen: Wie viel Langsamkeit mute ich mir und anderen dann wirklich zu, um bloß nicht eines dieser schönen Tiere zu verletzen? Die beiden Katzen in unserem Haus sind ein Stück Lebensqualität und eine tägliche Predigt des Evangeliums: Wie das bei Matthäus über die Vögel steht, die sie manchmal jagen: Sie säen nicht, sie
ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und sind doch auch schöner gekleidet als Salomo in aller seiner Herrlichkeit. Sorge nicht. Das Leben würde sich anstrengender anfühlen ohne sie.
Und Tiere, die uns begleiten und zunutze sind: wie die Hunde der Jäger und Pferde der Reiter. In einem Stall las ich vor kurzem: „Wenn der Mensch denkt, dass sein Pferd nichts fühlt, dann fühlt das Pferd, dass der Mensch nicht denkt.“ Das ist eben doch tatsächlich eine ganz tiefe Bindung, zu denen Menschen und Tier da wechselseitig in der Lage sind. Auch wenn wir uns in die Seele eines Tieres nicht einfühlen können: dass nicht nur wir zu ihnen, sondern sie auch eine Beziehung zu uns haben, das wissen und spüren wir eben doch.
Und die Tiere, die wir essen? Über deren Existenz und deren Bedingung ich normalerweise nicht nachdenke? Vielleicht noch bei einem Festessen mit einem sehr schönen Stück Fleisch: Dass mir das Leben dieses Tieres für einen Augenblick bewusst wird und ich Dankbarkeit empfinde, dass ich es schmecken und von seiner Kraft leben darf. Aber dieses ungezählte Alltagsfleisch in Würsten und Soßen, in Salaten mit Putenstreifen und Lachssstückchen? Hält das Stand vor diesem Text? „Und haben alle einerlei Odem und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh – wer weiß, ob der Odem Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehs hinab?“
Das ist wahrscheinlich das Schlimme, das, was nicht stimmt in unserem Umgang mit den Tieren: nicht das Töten selbst, nicht, dass wir auch von den Tieren leben, sondern diese Nichtbeziehung, dieser nur instrumentelle Umgang mit den Mitgeschöpfen, Zweck für etwas anderes, selbst gar nicht in unserem Blick. Eben genau wie der Hirsch, den Hubertus jagt: zufälliges Objekt seiner blinden Trauer, seines Jagdinstinkts, mit dem er übertüncht, was ihn im Innersten umtreibt. Und genau in diesem Moment spricht der ihn an: was verfolgst du mich? Was auch bedeutet: Wer bist du, dass du mich verfolgst? Wer bist du, Mensch, der sich in eine solche Nichtbeziehung versteigt? Der du dich herauslöst aus allen natürlichen Zusammenhängen, der du dich erhebst? Und genau so verlierst?
Für Hubertus führt die Begegnung auf der Jagd zu einer vollkommenen Neuorientierung seines Lebens, nicht einfach nur, dass er nicht mehr am Karfreitag jagen geht, sondern, dass er noch einmal neu nachdenkt, wer er selbst eigentlich ist und sein will. Die Begegnung mit dem anderen Geschöpf als eine Chance, sich selbst noch einmal neu und anders zu verorten zwischen Himmel und Erde. Was, wenn wir uns nicht von der Krone her denken, von oben, von der Macht und Fülle menschlicher Möglichkeiten, sondern von unten her, von unserer eigenen Geschöpflichkeit her näher bei den Tieren? Wenn wir uns verstehen ausgehend von den Grundbedürfnissen, die ein Mensch hat so wie auch ein Tier, von der Zuwendung her, auf die wir angewiesen sind, von der Achtung und vom Staunen her. Wenn wir uns selbst denken und entwerfen von dem konkreten Ort her, an dem wir leben, und von den Menschen und Tieren her, mit denen wir diesen Ort teilen, - ausgehend von unserer Verantwortung, aber auch von den Grenzen unseres Überblicks? Was , wenn wir unser Leben  auch verstehen von seinem Ende her: Dass wir sterben wie alle Geschöpfe und auf dieser Erde auf die Länge nichts bleibt und auch nicht bleiben muss, letztlich uns denken von Gott her, der uns ins Leben gerufen hat und zu sich zurückholt, der uns den Atem gegeben hat und wieder nehmen wird?
„Denn so sah ich denn, dass nichts Besseres ist, als dass ein Mensch fröhlich sei in seinem Tun, - im Einklang mit dem, was ihn umgibt, stimmig zu sich und dieser Welt, - denn das ist sein Teil. Wer wird einen Menschen aber dazu bringen, dass er sehen kann, was nach ihm geschehen wird?“ Amen.