Andachten

Kurz innehalten. Sich für einen Moment besinnen, woher wir eigentlich kommen, was wichtig ist im Leben. Dabei helfen uns kurze Andachten. Die Pastorinnen und Pastoren des Kirchenkreises Rotenburg verfassen jede Woche zwei Zeitungsandachten für die Rotenburger Rundschau und die Rotenburger Kreiszeitung. Wir veröffentlichen sie hier und schaffen damit ein Archiv, auf das Sie zurückgreifen können, wann immer Sie möchten. Denn: Ihre Zeitung werfen Sie irgendwann in den Papierkorb. Die Andachten behalten jedoch ihre Gültigkeit jenseits der Tagesaktualität.

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Mo. 10.03.14
Fasten
Jens Ubben
Fasten

Irgendwann ist Fasching vorbei. Leider, sagen viele. Gott sei Dank, meinen andere. Nach Aschermittwoch kommt dann die Fastenzeit. Sieben Wochen lang verzichten.

Hängen beide Zeiten nicht enger zusammen als gedacht? Bevor Menschen verzichten, möchten sie genießen. Vor sieben Wochen der Zurückhaltung soll es noch einmal großzügig zugehen. Kann ich gut verstehen. Aber Genuss wird erst vor dem Hintergrund des Verzichtes wirklich spürbar und bekommt seinen Sinn.

Das Fasten für 40 Tage erinnert daran, dass Jesus vor der Zeit seines öffentlichen Wirkens selbst erst einmal 40 Tage in die Wüste gegangen ist, um sich auf den neuen Zeitabschnitt vorzubereiten. Um geistliche Kraft zu schöpfen für das, was vor ihm lag.

Früher gehörte das Fasten zum Leben selbstverständlich dazu. Heute kann sich jeder selbst überlegen, ob er die sieben Wochen vor Ostern zu einer besonderen Zeit macht oder nicht. Denn genau das ist das Ziel dieser Zeit. Weniger die Frage, ob ich mal auf Süßigkeiten, Feierabendbier oder das Schnitzel verzichten kann. Sondern, ob ich mir Zeiten gönne, in denen ich aus dem Normalprogramm aussteige und zu mir selbst finde. Mich vorbereite auf neue Zeitabschnitte mit ihren Herausforderungen. Das Fasten drückt dann nur äußerlich aus, dass sich im Inneren ein besonderer Prozess abspielt.

Fasten ist wenig modern. Schade eigentlich. Könnte es sein, dass mancher Mensch nur deshalb in seinem Leben so wenig Außergewöhnliches erlebt, weil so wenig Zeit da ist, das Außergewöhnliche zuzulassen?

Fasten Sie mal!

 

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Jens Ubben

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Gemeindebrief
Pastor/-innen
Jens
Ubben
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Mo. 03.03.14
Eine Bereicherung
De van Nguyen
Eine Bereicherung

„Warum sind bei euch in Deutschland die Behinderten eigentlich immer auf einen Haufen untergebracht?“ Mein Schwager Sergio aus Frankreich hat mich zum ersten Mal in Rotenburg besucht und wir hatten einen Spaziergang durch die Werke gemacht. Die üblichen Verdächtigen sind uns dabei entgegengekommen. All die Menschen aus den Werken, denen ich tagtäglich auf der Straße begegne. Sergios Mutter ist mit ihren Eltern in den 1940er Jahren vor den Nazis nach Frankreich geflohen und eine Spur Misstrauen gegenüber Deutschland hat sich in der Familie gehalten. Ich konnte ihm auf seine Frage nicht antworten. Mir ist das immer recht selbstverständlich vorgekommen.

Im Zuge der Inklusion sollen nun nach und nach Wohngruppen aus den Werken in die umliegenden Orte umziehen. Ich weiß zu wenig von den Überlegungen, die zu dieser Entscheidung geführt haben. Aber aus ganz egoistischen Gründen finde ich das schade. Ich fühle mich wohl am Rande der Werke zu wohnen. Maria mit ihrer Gitarre, Florian mit seinen Sorgen, Christian mit seiner etwas vorlauten Art und all die anderen, die nett grüßen und immer bereit für einen Schnack sind – es mag gute Gründe für eine Dezentralisierung geben, aber das, was mein Schwager kritisch beäugt hat, macht für mich ein großes Stück Lebensqualität in dieser Stadt aus. Es ist hier ein Stück entspannter als anderswo und ich bin mir sicher, das verdankt Rotenburg auch den Werken und ihren Bewohnern.

Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl. Diesen Rat gibt der Prophet Jeremia. Ich muss da gar nicht lange suchen, sondern nur aus dem Fenster schauen oder die Lindenstraße entlanggehen.

Liebe Maria, lieber Florian, lieber Christian und wie ihr alle heißt: vielen Dank, dass ihr mein Leben bereichert.

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De van Nguyen

De
van Nguyen
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Mo. 17.02.14
Kein Beinbruch
De van Nguyen
Kein Beinbruch

„Das schönste am Alter ist, dass man keine Prüfung machen muss." Diesen Satz hat meine Mutter vor vielen Jahren in einer Radioandacht gehört und seitdem bei vielen Gelegenheiten zitiert. Für mich hat dieser Satz erst eine Bedeutung nach meinem Examen bekommen. Keine Prüfungen mehr machen zu müssen. Was für eine unglaubliche Erleichterung. Keine Prüfungen mehr. Frei!

Die Zeugnisferien sind zu Ende. Ob die Zeit nötig war um erst mal durchzuatmen oder sich von einem Schrecken zu erholen, muss jeder Schüler selbst entscheiden. Jetzt geht es wieder los und „nach den Zeugnissen ist vor den Zeugnissen". Ein Hamsterrad - und die Entwicklungen in der Bildungspolitik verstärken dies nur. Früher blieb man mal sitzen. Das war doof, aber kein Beinbruch. Heute ist das mit viel mehr Zukunftsangst verbunden. Die Leistungsschrauben sind fest angezogen in unserem Schulsystem und wer nicht mitkommt ist ein Versager. Ich habe großes Mitleid mit den heutigen Schülern.

Das schönste am Alter ist, dass man keine Prüfungen mehr machen muss. Bis dahin ist dieser Satz kein Trost. Das schönste an Luthers Lehre ist, dass ich vor Gott nicht in eine Prüfungssituation komme und Angst vorm Durchfallen haben muss. Das ist mir jetzt schon Trost und nicht erst später.

Liebe Schüler, es gibt Schlimmeres als eine Fünf - vielleicht ist das jetzt schon ein Trost.

Meinen Großeltern wurde jedenfalls an jedem Zeugnistag schon aus dem Flur zugerufen: „Ist es nicht schön, dass wir alle gesund sind!"

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De van Nguyen

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van Nguyen
Pastor i. R.
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Mo. 10.02.14
Im selben Boot
Frank Hasselberg
Im selben Boot

Kennen Sie den Film „Life of Pi“? Er lief voriges Jahr im Kino, mittlerweile gibt es ihn auch auf DVD. Auf Deutsch heiß er „Schiffbruch mit Tiger“. Ein wundervoller, ungewöhnlicher Film, der mit vier Oscars ausgezeichnet wurde. In atemberaubenden Bildern wird eine skurrile Geschichte erzählt: Es geht um eine verhängnisvolle Schiffskatastrophe, bei der die einzigen Überlebenden der Junge Pi und ein ausgewachsener Bengalischer Tiger namens Richard Parker sind. Sie treiben hilflos in einem kleinen Rettungsboot über den Pazifik, Sturm, Wellen und sengender Sonne ausgesetzt. In dieser Geschichte stoßen höchst unfreiwillig zwei ganz unterschiedliche Wesen und Charaktere aufeinander. Besonders für den Jungen ist der hungrige Tiger nicht ungefährlich. Doch mit der Zeit erkennen beide, dass sie aufeinander angewiesen sind, um zu überleben. So arrangieren sie sich mit der Situation und erreichen einen respektvollen Waffenstillstand. Für Pi wird das Erlebnis schließlich zu einer Offenbarung Gottes.

Eine seltsame, anrührende Geschichte. Fremd und doch gar nicht so weit weg. Wir lernen mühsam, dass alle Geschöpfe, so unterschiedlich sie auch sein mögen, in einem großen Zusammenhang stehen. „Erst sterben die Bienen, dann der Mensch“, wußte schon Einstein. In der Tat: Wir sitzen alle in einem Boot, ob wir wollen oder nicht. Immer wieder sind Menschen aufeinander angewiesen, die sich ihr Gegenüber nicht ausgesucht haben. Damit alle eine Zukunft haben, ist Respekt vor dem anderen wichtig. Vertrauen kann wachsen, auch wenn es Zeit braucht. Und manchmal, da werden aus Fremden sogar Freunde. Kirchengemeinden zum Beispiel sind Orte, an denen sich ganz unterschiedliche Menschen treffen und erleben, dass sie auf eine geheimnisvolle Art miteinander verbunden sind. Ein schönes neueres Lied aus unserem Gesangbuch (EG 619, Strophe 2) sagt es so: „Damit aus Fremden Freunde werden, gehst du als Bruder durch das Land, begegnest uns in allen Rassen und machst die Menschlichkeit bekannt.“

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Frank Hasselberg

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Mo. 03.02.14
Gefallener Engel
Frank Hasselberg
Gefallener Engel

Im Baseler Kunstmuseum hängt ein Bild meines Lieblingsmalers Marc Chagall. Es heißt: „Der Engelsturz“. Ein glutroter, kopfüber stürzender Engel symbolisiert den Untergang, die totale Katastrophe im Leben des jüdischen Volkes und auch des Malers persönlich. Im Vergleich dazu ist der Sturz, den die „gelben Engel“ derzeit erleben, harmlos. Und doch ist es für viele Menschen katastrophal, ein weiterer Vertrauensbruch, den sie auch in anderen Institutionen erleben. Der ADAC ist auch nicht besser, sagen uns die Medien, da wird gemogelt, gelogen und betrogen, und die Rettungshubschrauber transportieren Bonzen statt notleidende Menschen. Wie immer schwarz-weiß gezeichnet, aber so ist das nun mal in Zeitung und Fernsehen. Wie sagt man so schön: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Wer sich selbst als „Engel“ bezeichnet, gleich welcher Farbe, muss damit leben, dass er am Ende verteufelt wird.

Da lobe ich mir die Engel der Bibel - und da haben sie schließlich ihren Ursprung. Das Wort bedeutet „Boten Gottes“. Weiß gewandet, haben Engel die Aufgabe, uns Menschen zu behüten und zu tragen. Sie bringen die frohe Botschaft von Gott auf die Erde. Ihre Macht ist größer als die Kräfte dieser Welt, sie sind viel mehr als nur „Pannenhelfer“. Die guten Engel Gottes umgeben uns als schützende Begleiter, sie passen auf, dass wir in den Wirren des Lebens nicht untergehen. Sie wollen kein Geld, und ich muss sie nicht erst rufen, wenn ich in Not bin. Solche Engel brauchen wir! Darum: Schluss mit Tricks und Täuschung, Selbstbedienung und Autolobby-Politik ohne Rücksicht auf die Umwelt. Für mich bedeutet die Abkürzung ADAC künftig: „Auf Dich Achtet Christus.“

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Frank Hasselberg

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Mo. 27.01.14
Schütze deine Daten!
Roger Moch
Schütze deine Daten!

Weitgehend ist der Umgang mit den neuen Medien für viele Menschen noch Neuland, sowohl im rechtlichen als auch gesellschaftlichen und menschlichen Bereich. Eltern, Lehrkräfte, Erziehende, aber auch junge Menschen sind oft ratlos, wie sie auf unerfreuliche Situationen, hervorgerufen durch Chatten und Instant Messaging, fehlendem Datenschutz, sorglosem Gebrauch des Handys und Internets, Cybermobbing und Online-Communitys und Abzocke und Kostenfallen im Netz reagieren sollen. Nachstehend eine Orientierungshilfe für die Nutzung von Internet, Handy und Neuen Medien, gewissermaßen 10 Gebote für den Umgang mit den neuen Technologien.

1. Du sollst deine Nummer (oder die von Freunden und Familie) nur Freunden und Leuten geben, denen du vertrauen kannst.

2. Du sollst dich nicht ausfragen lassen! Erzähl Fremden nicht zu viel von dir, vor allem nicht deinen richtigen Namen, deine Adresse oder deinen Aufenthaltsort.

3. Du sollst dich nicht einfach fotografieren lassen. Nicht jeder will fotografiert werden! Aufnahmen sind nur mit Zustimmung in Ordnung. Heimliche Fotos, Videos oder Tonaufnahmen sind nicht erlaubt. Sag auch du deutlich, dass du nicht fotografiert werden möchtest, wenn es dir unangenehm ist.

4. Du sollst keine Dateien öffnen, deren Absender du nicht kennst. Sie können (schädliche) Viren oder eklige Inhalte enthalten. Inhalte, die per Bluetooth gesendet werden, kann man ablehnen!

5. Du sollst auch keine Fotos an Unbekannte verschicken, weder von dir selbst, deiner Familie oder von Freunden. Du weißt nicht, wo sie landen.

6. Du sollst nicht telefonieren: Im Unterricht, im Kino, in der Bibliothek – an allen Orten, wo Leute ihre Ruhe haben wollen. Stell dein Handy aus oder auf "lautlos".

7. Du sollst vertrauliche und private Themen nicht dort besprechen, wo alle mithören (müssen). Mach das lieber zu Hause!

8. Du sollst andere nicht per Handy beleidigen, dass ist unfair, feige und unanständig! Reagiere nicht auf Anrufe oder SMS, die dich ärgern oder dir Furcht einjagen sollen. Behalte die SMS, Bilder usw. als Beweise.

9. Du sollst etwas gegen Mobbing tun! Wenn ein peinliches Foto im Freundeskreis oder in der Klasse verbreitet wird, leite es nicht weiter.

10. Du sollst mit Freunden, Eltern, oder Lehrern sprechen, wenn jemand dich bedrängt. Sie können dir helfen und die Polizei informieren, wenn dich jemand bedroht.

„Wenn du angefragt wirst, bei einem Prozess zu helfen, der irgendwie link abläuft, dann mach da nicht mit [... ] so ein Unrecht musst du verhindern“, steht schon in der Bibel im 2. Buch Mose 23,7 (zitiert nach der Volxbibel).

 

Roger Moch, Berufsschulpastor BBS ROW, qualifizierter Krisen- und Medienberater

 

 

 

 

 

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Mo. 20.01.14
Bildung ist die einzige Lösung
Barbara Dieterich
Bildung ist die einzige Lösung

An einem Vormittag in der Woche mache ich ein offenes Angebot für die Kinder und Jugendlichen in der Schule der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ich nehme meine Gitarre mit und mit den älteren Jugendlichen singe ich (vorwiegend christliche Lieder). Vor einiger Zeit kam ein Jugendlicher dazu, der Joshua hieß. Ich fragte ihn, ob er denn wisse, woher der Name kommt. Er wusste es nicht und sagte, es interessierte ihn auch nicht. Er meinte, er wäre Atheist. Ich habe ihm gesagt: ich fände, es hat weniger etwas mit dem Glauben, als vielmehr mit Allgemeinbildung zu tun. So wie ich eigentlich Schneewittchen und Rumpelstilzchen kennen müsste, so gehören auch Mose und Josua und Abraham zum Grundwissen hier bei uns, denke ich.

Szenenwechsel. Im Swat-Tal in Pakistan geht ein Mädchen mit Begeisterung zur Schule und saugt alles Wissen auf wie ein Schwamm. Am 9. Oktober 2012 wird sie auf dem Schulweg von Talibankämpfern angeschossen. Angeblich widerspricht es dem Islam, dass Mädchen zur Schule gehen. Bildung überhaupt ist eine Bedrohung für die Taliban, sie sprengen unzählige Schulen in die Luft und lassen Fernseher und Computer verbrennen.

Malala, so heißt das Mädchen, ist gläubige Muslimin. Sie liest im Koran, dass jeder Mensch verpflichtet ist, zu lernen. Malala überlebt und setzt sich weiterhin ein für das Recht auf Bildung für alle, besonders aber für Mädchen. Sie gründet eine Stiftung dafür und sie hält eine Rede vor der UN. Ihr Wissen schützt sie vor den falschen Informationen und Manipulationen der Taliban.

Zurück zu uns hier. Wir haben das Recht und die Pflicht, zu lernen und etwas für unsere Bildung zu tun. Seit Luther können wir die Bibel selbst auf Deutsch lesen. Joshua kann sich informieren, was es mit dem Josua auf sich hat, dem Nachfolger von Mose.

Glaube hat auch etwas mit Bildung zu tun. Erst wenn ich die Geschichten der Bibel kenne, kann ich mich dazu verhalten. Es gibt so viel Spannendes, Tröstliches und Aufrüttelndes darin, das es zu entdecken gilt und das uns zu Mitmenschen bilden kann in unserer einen Welt.

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Barbara Dieterich

Barbara
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Mo. 13.01.14
Wie wollen wir leben?
Thomas Steinke
Wie wollen wir leben?

Mehrere hundert Särge, aufgereiht in einer großen Halle auf der Mittelmeerinsel Lampedusa: Schnell geraten diese Bilder aus dem vergangenen Herbst in Vergessenheit. "Es muss, muss, muss anders werden", hatte der italienische Innenminister Angelino Alfano damals gerufen. Ist es das wirklich, anders geworden? Zwar äußerten die Staats- und Regierungschefs der EU beim Gipfeltreffen kurz vor Weihnachten noch einmal "tiefes Bedauern über die Vorgänge vor Lampedusa". Aber grundlegende Änderungen in der Asylpolitik sind nicht in Sicht. Das Bollwerk an den Außengrenzen noch dichter machen, die Küstenwachen mit modernster Technik ausstatten - unseren Wohlstand zu retten scheint uns wichtiger zu sein als Menschen zu retten.

Und wie glaubwürdig ist die moralische Verurteilung der Schlepperbanden und der korrupten Regierungen in Afrika tatsächlich? Wenn uns wirklich etwas an einer Veränderung in den Ländern des schwarzen Kontinents gelegen wäre, müssten wir endlich damit beginnen, über Alternativen ernsthaft nachzudenken. Wir dürften diese Länder nicht mehr einseitig als Ressourcen-Lieferanten und Endprodukt-Abnehmer betrachten. Wir müssten uns damit auseinandersetzen, dass unsere Ökonomie - an Überfluss, stetigem Wachstum und Ressourcenverschwendung orientiert - auf der anderen Seite der Welt zur Ausbeutung der Lebensgrundlagen führt. Wir müssten unsere Einteilung in "gute" und damit legale Flüchtlinge, die aus politischen Gründen kommen, und in "böse" und damit illegale Flüchtlinge aufgeben, die aus wirtschaftlichen Gründen an unsere Tür klopfen. Was würden wir selbst tun angesichts von Hunger, von fehlender Perspektive und Verzweiflung? Das UN-Flüchtlingswerk fordert seit Längerem humanitäre Visa. Dann müssten sich die Flüchtlinge nicht mehr kriminellen Schlepperbanden anvertrauen.

Natürlich ist die Migrationssteuerung ein legitimes Interesse der EU. Die genannten grundsätzlichen Fragen sollten wir dabei aber nicht verdrängen. Die Flüchtlingsströme nehmen weiter zu. Von einem "Tsunami" haben UN-Mitarbeiter gesprochen. Helfen da höhere Mauern? Und wollen wir so leben: Im goldenen Käfig, hinter Stacheldraht "gesichert", während die Menschen vor unserer Haustür sterben?

 

Als Christen berufen wir uns auf Jesus Christus. Er sagt: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan." (Matthäus-Evangelium 25, 40) Hoffentlich werden wir nicht einmal hören müssen: "Ich war hungrig, aber ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, aber ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd, aber ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, aber ihr habt mir nichts anzuziehen gegeben; ich war krank und im Gefängnis, aber ihr habt euch nicht um mich gekümmert." (Mt 25, 42f) Noch können wir unsere Lebenseinstellung überdenken: Wie wollen wir leben?

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Thomas Steinke

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Mo. 13.01.14
Ein Hammer!
Dr. Matthias Wilke
Ein Hammer!

Einen Gegenstand zum „Nagel in die Wand Hämmern“ nennen wir einen Hammer. Ferner gebrauchen wir das Wort umgangssprachlich um anzuzeigen, dass wir etwas erstaunlich finden, atemberaubend, unglaublich: „Das ist ja ein Hammer!“

Wenn ich nun von einem hämmernden Hammer sage: „er wird nicht zerbrechen“, so meine ich einen sanften Hammer. Vielleicht einen Hammer mit Gummi, der sein Werk verrichtet, ohne dass splittert oder bricht, was er bearbeitet. Oder ich meine einen Hammer, der viel abkann, der nicht kaputtgeht, auch wenn er aus hoher Höhe auf den Boden fällt. „Er wird nicht zerbrechen“, kann also beides heißen: nicht kaputtgehen und nicht etwas anderes kaputtmachen.

Bauen wir beides zusammen, so erhalten wir den Satz: „Ein Hammer (! Er) wird nicht zerbrechen“. Wenn Sie nun die jeweils doppelte Bedeutung in diesen Satz hineinlesen, so macht er viel Sinn. Er bezeichnet dann entweder ein Ding zum Hämmern, das selbst nicht kaputtgeht, oder ein Ding zum Hämmern, das nicht kaputtmacht. Oder aber er spricht das Erstaunen darüber aus, dass jemand anderer, eben ein „Er“, nicht kaputtgeht oder nichts kaputtmacht, also: „Ein Hammer! Er wird nicht zerbrechen.“ Setzen wir nun in diesen letzten Satz statt „Er“ den ein, der uns Gott nahe bringt, so erhalten wir die Frohe Botschaft für diesen Sonntag. „Ein Hammer!“ – Trost für (m)ein angeknicktes Gewissen und glimmenden Glauben: „Siehe, …das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen…. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen“. So beschreibt der Prophet Jesaja im Alten Testament Gottes Nähe. Mehr dazu am Sonntag in ihrem Gottesdienst. Herzlich willkommen!

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Mo. 30.12.13
Ich sehe was, was...
Ich sehe was, was...

Sie kennen es sicherlich auch, dieses alte Kinderspiel: "Ich sehe was, was du nicht siehst..." In unterschiedlicher Zusammensetzung kann man es fast jederzeit und überall spielen. "Ich sehe was, was du nicht siehst. Und das ist grün!" "Das Moos neben dem Baumstamm? Das Auto dort unten? Die Jacke der Frau da vorne?"

"Ich sehe was, was du nicht siehst." Was sehen Sie, wenn Sie auf das neue Jahr 2014 blicken? Ein freudiges Ereignis? Einen bereits jetzt schon gut gefüllten Terminkalender? Einen Stellenwechsel? Ein Jubiläum?

Vielleicht sorgen Sie sich auch um das, was Sie sehen könnten: Wird mein Freund die erneute Krebserkrankung überleben? Behalte ich meinen Arbeitsplatz? Wird meine Kraft reichen für die vielleicht noch unsichtbaren Herausforderungen, die das neue Jahr mit sich bringt?

So klar und deutlich wie bei dem Kinderspiel können wir das, was uns in 2014 erwartet, vermutlich nicht sehen. Aber schon jetzt - kurz vor Beginn des neuen Jahres - gilt für alles, was wir erleben und erfahren werden: Gott will uns dabei begleiten. Unabhängig davon, ob das, was wir (nicht) sehen, blau oder gelb ist, dürfen wir uns darauf verlassen, dass Gott uns in allem und trotz allem nahe ist.

Ob Maria auch schon 'Ich sehe was, was du nicht siehst ' gespielt hat, weiß ich nicht, aber was wir an ihr erkennen können, hat Johannes Kuhn so beschrieben:

"Wie Maria – sich nicht verschließen, nicht nach Erklärung fragen, Vertrauen haben.

Wie Maria – ein weites Herz haben, Gott einlassen und sich nicht fürchten vor dem,

was kommt."

Diese Zuversicht wünsche ich Ihnen und mir für 2014!

Mo. 23.12.13
Sie haben Post!
Jens Ubben
Sie haben Post!

Sind Sie in diesen Tagen fleißig am Schreiben? Briefe zu Weihnachten haben Hochkonjunktur. Das sind Anlässe, zu denen auch die Freunde von E-Mail und Smartphone plötzlich zu Stift und Briefmarke greifen. Auf einmal liegen im Briefkasten nicht nur Rechnungen, sondern bunte Karten und Umschläge.

Vielleicht kennen Sie das auch zu Hause: Zu Weihnachten stapeln sich dann die Grüße per Post. Manche ausführlichen Exemplare sind darunter, mit vielen Neuigkeiten. Andere Briefe sind eher knapp gehalten: Eine schicke Karte, ein kurzer Gruß. Weniger die Inhalte sind wichtig, oft mehr das Signal: Ich denke weiter an dich! Frohe Weihnachten auch von mir!

Für mich als Kind war das manchmal irritierend: Da tauchten plötzlich Briefe auf von Leuten, die ich gar nicht kannte. In unserem Wohnzimmer hatte ich die nie gesehen. Und wenn sich jemand zu Weihnachten nicht meldete, war das verdächtig: Ist er etwa krank? Hat sie uns diesmal vergessen? Ob wir da mal anrufen und nachhaken sollten?

Hoffentlich bleibt die alte Angewohnheit erhalten, die Post zu Weihnachten. Und Gott, der hätte bestimmt auch gern Post von uns. Zwischen Kurznachrichten, Protestmeldungen, Stoßgebeten über das Jahr verteilt: Mal wieder einen Brief. Zu Weihnachten. Nicht dass er auf die Idee kommen könnte, es wäre vorbei mit dem Kontakt. Ein kurzer Gruß: „Hallo, ich bin noch da!“ Oder so: „Lange nichts mehr von mir hören lassen. Ich denke trotzdem an dich. Lieben Gruß!“ Die Langversion geht auch: „Mir geht’s gerade nicht so toll! Ob dich das interessiert? Habe in diesem Jahr viel durchgemacht, und es wäre gut, wenn du das wüsstest…“ Vielleicht auch einfach nur: „Danke!“ Oder: „Schreib du mir doch auch mal wieder. Ganz persönlich. Du bist mir so fremd geworden. Würde gern mal wieder was von dir hören.“

Weihnachten ist eine gute Gelegenheit, sich bei Gott mal wieder zu melden. Er freut sich garantiert. Und beantwortet seine Post gern – auch wenn nicht gerade Geburtstag oder eben Weihnachten ist!

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Jens Ubben

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Jens
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Mo. 23.12.13
Freude, was denn sonst?!
Frank Hasselberg
Freude, was denn sonst?!

Adventsnachmittag beim Sozialverband. „Na, Ihnen kann man ja auch nur herzliches Beileid wünschen, Herr Pastor!“ Auf meinen erstaunten, etwas fragenden Blick hin erläutert der nette ältere Mann seine Äußerung: „Ich meine, jetzt in der Adventszeit haben Sie ja Hochkonjunktur, die vielen Weihnachtsfeiern und Gottesdienste und so, da sind Sie nicht zu beneiden.“ Ich danke ihm höflich für sein Mitgefühl, meine aber, das sei doch übertrieben. Denn es geht mir gut, gerade in diesen Wochen. Ich genieße die Adventszeit mit ihren Feiern und Weihnachtsmärkten, dem Duft nach Keksen und Glühwein, den Geschichten und Liedern. Zu sehen, wie die Krippe nach und nach wächst. Alle Jahre wieder. Wäre ja auch blöd, sich die Vorfreude verderben zu lassen, nur weil der Spielraum im Kalender noch enger ist als sonst. Dafür ertrage ich auch unschöne Begleiterscheinungen wie die Musikberieselung in Kaufhäusern und Parkplatznot in den Innenstädten. Ich freue mich darauf, dass wir bald wieder Jesu Geburt feiern können - und dass er eines Tages wiederkommen und endgültig Gottes Reich errichten wird. Damit werden meine Sorgen und Probleme nicht zugekleistert, wird die Welt nicht plötzlich heil oder die Schlagzeilen besser, aber doch in ein anderes Licht gerückt.

In Heber öffnen wir in diesem Jahr zum ersten Mal einen „Lebendigen Adventskalender“. Jeden Abend im Advent versammeln sich über 50 Menschen jeden Alters vor einem anderen Haus. Dort präsentieren die Gastgeber um 18 Uhr ein geschmücktes Fenster. Es wird gesungen und eine Geschichte erzählt, und man freut sich über das Miteinander bei Klönschnack und Punsch. Eine besondere Art, diese Zeit zu erleben, Gemeinschaft zu pflegen und die Vorfreude auf Weihnachten zu erhöhen, bei Erwachsenen wie bei Kindern. Am Abend des 4. Advent ist zum Abschluss dieser Aktion eine Andacht in der Friedenskirche. Mit dem Wochenspruch wird deutlich, was diese Zeit im tiefsten ausmacht: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!“

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Frank Hasselberg

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Mo. 16.12.13
466/64
466/64

Das war 18 Jahre lang Nelson Mandelas Häftlingsnummer als Gefangener auf Robben Island. „Ein Mensch – eine Stimme!“ Mandela stand 1964 kurz davor, für dieses Recht, das keinem Menschen vorenthalten werden darf, auch mit Waffengewalt zu kämpfen. Da wurde er gefangen und zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Statt einer menschlichen Stimme galt er für Jahrzehnte dem Regime nicht mehr als eine Nummer. Dass der Mensch etwas anderes ist als eine Zahl, jede und jeder ein Wunder, das wurde im Gefängnis die Mission seines Lebens. "Es brauchte einen Mann wie Madiba, um nicht nur den Gefangenen zu befreien, sondern auch den Gefängniswärter", sagte jetzt Präsident Barak Obama über Mandela. Denn in autoritären Verhältnissen haben auch Gefängniswärter keine Stimme, sind austauschbar, Werkzeuge, Nummern.

Es soll einmal einen afrikanischen Stamm gegeben haben, der ein Stammesmitglied, das etwas Verletzendes und Schlimmes getan hat, in die Mitte genommen hat. Und dann haben alle zwei Tage lang ihm alles Gute erzählt, das er je getan hat. Sie haben nichts ausgelassen und jedes Mal mit Erstaunen entdeckt, wie viel da doch ist. Jeder Mensch sehnt sich nach Sicherheit, Liebe und Frieden. Das Böse, das er tut, ist wie ein Hilferuf. Indem sie das Gute erzählen, verbindet er sich neu mit den guten Seiten seines Wesens, erinnert sich, wozu er wirklich bestimmt ist.

Vielleicht hatte Mandela in diesem Stamm seine Wurzeln. Unvergessen, wie freundlich und offen er jedem Menschen begegnet ist, auch denen, die ihm so Schlimmes angetan haben. „Wir fragen uns, wer bin ich, mich brillant, großartig, talentiert, phantastisch zu nennen?“ Aber Madiba setzt fort: „Wer bist Du, Dich nicht so zu nennen? Du bist ein Kind Gottes.“ Vielleicht war Mandela aber auch einfach nur um so vieles konsequenter als wir auf der Spur von Weihnachten: Menschen sind Kinder von Gott, und sie sollen im Frieden leben. Dazu hat Gott uns geschaffen. Niemand ist nur eine Zahl. Darum können auch wir uns mehr zutrauen. Das Erbe des so vertrauensvollen, mutigen, liebenden Mandela, der so lange 466/64 war, ermutigt uns dazu.

Mo. 09.12.13
Kopf hoch!
Karin Klement
Kopf hoch!

„Es werden Zeichen geschehen und auf Erden wird den Menschen bange sein, sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres. Dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

Unwetterwarnung über Deutschland vor dem zweiten Advent: Eine schwere Sturmflut bedroht die Nordseeküste, Hamburg und Bremen. Orkanböen von über 100 km pro Stunde bringen eisige Polarluft bis in den Süden. Die heftigen Stürme wecken Erinnerungen an jene verhängnisvolle Flutkatastrophe 1962, als in Hamburg Deiche brachen, Wilhelmsburg unter Wasser geriet und Hunderte von Menschen ums Leben kamen.

Ungewöhnlich sind solche Stürme für diese Jahreszeit nicht, beruhigen Meteorologen. Wir sind es gewohnt, uns abzusichern und vorzubeugen – soweit wir es können. Wir wollen das Unerwartete in Grenzen halten, Bedrohliches eindämmen oder die Augen schließen, den Kopf einziehen. Zwischen Katastrophenangst, die uns einschüchtert, und Allmachtsphantasien, die uns Unverwundbarkeit vorspielen, suchen wir einen Weg.

JESUS sagt in seiner Endzeitrede: Schaut auf! Kopf hoch! Lasst euch nicht blenden vom Erschrecken, das euch ratlos macht. Versinkt nicht in Depression, wenn ihr die Welt am Ende seht. Sicher ist es wichtig, die Realität wahrzunehmen. Aber schaut doch zugleich hinter die Dinge. ADVENT ist die Zeit der erhobenen Häupter auch vor einem Horizont von Niedergeschlagenheit. Mit erhobenem Kopf lässt sich viel weiter blicken, besser sehen, was oder wer da auf uns zukommt. Dann erkennt man sogar den, der sich jenseits unserer Zeit auf den Weg gemacht hat, um uns nahe zu kommen. Damals wie heute.

Noch ahnen wir das Dunkel mancher Katastrophen, manchmal sehen wir sie sehr deutlich – doch dahinter brennt das Licht des AD­VENT. Es wird unsere Wege erleuchten hin zu einer besseren Welt und uns ermutigen, daran mitzuwirken, mitzubauen an einer gerechten, friedvollen, heilsamen Welt.

Kopf hoch! Das ist keine Floskel oder banaler Trost, sondern eine ernstgemeinte Aufforderung: weiter zu sehen als nur auf die Oberfläche. Weder Angst noch Gleichgültigkeit nach­zugeben. Der erste Augenschein kann trügen, aber auf Christi Wort ist Verlass. Er wird wiederkommen und mit ihm das Heil!

 

 

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Mo. 02.12.13
Ein Kind verändert das Leben
Henning Sievers
Ein Kind verändert das Leben

Ein Kind kommt – und verändert das Leben.

Es verändert den Tagesablauf und den Nachtschlaf der Eltern. Seine Bedürfnisse bestimmen den Alltag.

Es verändert die Blickrichtung der Eltern. Es zeigt ihnen, was wichtig ist im Leben: Liebe, Fürsorge, Nähe.

Die Eltern haben ein Wunder erlebt, das Wunder der Geburt.

Es zeigt, dass das Leben ein Geschenk ist – und nicht selbstverständlich.

Manches Paar hat gespürt, dass hier Gott selbst am Werk ist.

Ein Kind, ein neues Leben kommt in unser Leben – und wir entdecken erstaunt, wie viel Liebe in uns steckt, die wir weitergeben können.

Advent – ein Kind kommt und verändert das Leben.

Es verändert das Leben von Maria und Josef, seinen Eltern. Haben sie damals etwas anderes gefühlt als die Eltern heute?

Wahrscheinlich nicht.

Dieses Kind kommt und verändert das Leben von uns Menschen. Denn als der erwartete Messias und Erlöser kommt es anders als erwartet. Als Kind einfacher Leute in einem Stall geboren und nicht als Prinz in einem Schloss.

Und damit zeigt sich schon, was der erwachsene Jesus predigen und leben wird.

Er wird die Welt auf den Kopf stellen und das Leben verändern.

Den Erwachsenen stellt er die Kinder als Vorbilder im Glauben hin.

Den ganz Gesetzessturen sagt er, dass der Mensch wichtiger ist als die Vorschriften.

Die Rachsüchtigen ermahnt er: Vergebt und geht auf den Nächsten zu.

Den Richtenden sagt er: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.

Advent – ein Kind kommt und verändert die Welt – damals wie heute.

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Henning Sievers

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Mo. 02.12.13
Sanije G.
Werner Hagedorn
Sanije G.

Bewundernd steht Sanije G. (Name geändert) vor dem dreitürigen Kleiderschrank. „Was kostet der?“ Frau G. aus Albanien kann nicht lesen und nicht schreiben. Die Bedeutung der Ziffern auf den Preisschildern bleibt ihr verborgen. Wie hat sie unsere Sprache so gut gelernt, ohne lesen zu können? „Zweihundertachtzig Euro“, sage ich. Frau G. wendet sich bedauernd ab. „Zu teuer!“ Sie lebt noch nicht lange mit ihren vier Kindern in Rotenburg. Sie erhält keine Mittel für eine Erstausstattung ihrer Wohnung. Mitgebracht hat sie ein paar Küchenunterschränke und ein Bett. Ihr fehlen eine Arbeitsplatte für die Küche, Kleiderschränke, ein Doppelstockbett für die beiden Jüngsten und zwei Betten für die andern beiden Kinder. Wir haben schon im Sozialkaufhaus nachgefragt. Betten sind derzeit nicht im Angebot, Schränke für achtzig Euro sollen demnächst geliefert werden. Ich habe im Gottesdienst um Sachspenden gebeten und ein Bett versprochen bekommen. Wie ich es drehe und wende, ohne weitere Sachspenden wären einige hundert Euro nötig.

Ich stelle mir eine junge Frau vor, die nicht unter Armut leidet und mit Begeisterung und Vorfreude Möbel aussuchen geht, weil sie für ihr Heim und die Kinder das Beste will. Wie gern würde ich das Sanije G. gönnen. Sie kümmert sich mit aller Ernsthaftigkeit und allen ihren Möglichkeiten um die Kinder. Weil ich mich ein Stück weit auf ihre Probleme eingelassen habe, setzt sie ihre Hoffnung auf mich, sieht ihre Wohnung schon eingerichtet und sagt: „Und dann lade ich Sie und Ihre Frau zum Kaffee ein!“ „Erstmal sehen, wie weit wir kommen“, antworte ich.

Wie kann es sein, dass Gesellschaft und Politik eine Mutter und ihre vier Kinder so alleine lassen? Anstatt das Potenzial dieser Menschen aufzugreifen und zu fördern, überantworten wir sie einem verzweifelten Überlebenskampf, in dem ihnen einfachste Dinge des alltäglichen Lebens nicht zur Verfügung stehen! Immer wieder stoße ich auf Formen des Schlechtredens solcher Menschen: Sie seien faul. Sie richten sich nicht nach unsern Regeln. Sie nützen uns aus. Sie bedrohen uns. Damit schließt sich um sie eine Mauer, die ihnen keinen Ausweg lässt. Am selben Tag, an dem ich mit Sanije G. Preise erkunden ging, lese ich in der Zeitung einen Artikel über „Armut trotz Jobwunder“ in Deutschland. Und dass Papst Franziskus in einem apostolischen Brief Christinnen und Christen zum Kampf gegen Armut aufruft.

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Werner Hagedorn

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Mo. 18.11.13
Menschenskind!
Werner Hagedorn
Menschenskind!

Kennen Sie den Ausdruck „Tag des Menschenkinds“? Nicht? Fangen wir mit Tagen an, die uns wohl nicht alle geläufig sind, deren Anliegen uns aber sofort einleuchtet. Ich meine die Gedenk- und Aktionstage, an denen weltweit auf Themen hingewiesen wird, die für unser Zusammenleben und Überleben wichtig sind. Allein in der zweiten Novemberhälfte finden wir den „Tag für Toleranz“ (16. November), den „Internationalen Männertag“ (19.), den „Tag der Rechte des Kindes“ (20.), den „Tag gegen Gewalt an Frauen“ (25.), den „Tag der Solidarität mit dem palästinensischen Volk“ (29.).

Niederschmetternd der Einwand: Das kann ich ja alles zur Kenntnis nehmen; aber ich kann nichts tun, um Toleranz in verbohrte Köpfe zu trichtern, um Männern weltweit ihr Gewaltgebaren abzugewöhnen, um das Rekrutieren von Kindersoldaten zu verhindern, um Frauen vor Übergriffen und Bevormundung zu schützen, um die Rechte des palästinensischen Volkes durchzusetzen! Der Einwand übersieht, wie sehr es auf unsere innere Einstellung ankommt. An ihr haben wir zu arbeiten. Dazu müssen wir uns Informationen und Maßstäbe für unser Urteil aneignen. Nach außen wirksam werden wir schon dadurch, wie wir mit anderen sprechen. „Die Schläge haben uns ja nicht geschadet“ - diese Behauptung zu hinterfragen wäre ein Beitrag zum Tag der Rechte des Kindes. Was wir denken, ist weder unwichtig noch unwirksam. „Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt.“ Millionen DDR-Bürgerinnen und -Bürger sehnten sich nach Freiheit, hegten diesen Gedanken, zweifelten ob sie je etwas bewirken könnten, übten lauten und leisen Widerstand solange, bis am 9. November 1989 die Mauer fiel. Da hatten sich die Verhältnisse im ganzen Land in einem einzigen Augenblick total verändert.

Die Gedenk- und Aktionstage weisen uns auf Verhältnisse hin, die des Menschen unwürdig sind. „Menschenskind!“ sagen wir zu jemandem, der sich gefälligst auf das besinnen soll, was seinem wahren Interesse entspricht. Tag des Menschenkinds: der Mensch unterlässt den Krieg, Männer achten die Würde der Frau, Eltern ist es undenkbar, ihr Kind zu schlagen. Jesus nannte sich „Menschensohn“. Er sagte, „sein Tag“ würde plötzlich kommen und die Verhältnisse auf der Erde in einem Augenblick total verändern. Dazu aber braucht es die Veränderung in den Gedanken und den Einstellungen Vieler.

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Werner Hagedorn

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Mo. 11.11.13
Keine Zeit zum Küssen und Beten
Frank Hasselberg
Keine Zeit zum Küssen und Beten

Wussten Sie schon, dass Sie 24 Jahre Ihres Lebens verschlafen? 30 Jahre gehen für Fernsehen, Lesen und Internet drauf, fünf Jahre für Essen und Trinken. Im Vergleich dazu fallen die sieben Jahre, die wir arbeiten, kaum ins Gewicht…

Diese Zahlen standen kürzlich in der Evangelischen Zeitung unter der Überschrift „Eine deutsche Lebensbilanz“, ausgehend von einem 80-jährigen Leben. Natürlich, das sind Durchschnittswerte. Wie heißt es doch so schön: „Ich glaube nur der Statistik, die ich selber gefälscht habe.“ Ich frage mich sowieso, wie man diese Zeiten erfasst. Allerdings, ein Anhaltspunkt sind sie schon, auch wenn jeder sein Leben individuell gestaltet. Ich zum Beispiel spare die eineinhalb Jahre für sportliche Betätigung ein. Erstaunlich finde ich, dass wir im Schnitt zweieinhalb Jahre im Auto verbringen, davon sechs Monate im Stau; was für eine Vergeudung wertvoller Lebenszeit. Ein Jahr nehmen wir uns Zeit für kulturelle Aktivitäten, neun Monate für Waschen und Bügeln und ebenso lange für´s Spielen mit den Kindern. Sitzen Sie auch sechs Monate auf der Toilette? Jeweils drei Monate verbringen wir in Kneipen und bei Vereinssitzungen.

Aber jetzt kommt´s. Raten Sie mal, was ganz am Ende der Skala steht. Mit jeweils zwei Wochen rangieren hier - Küssen und Beten. Das finde ich erschreckend, mehr Zeit lassen wir uns dafür nicht? Ist bloß der Durchschnitt, ich weiß, aber trotzdem ja ein Trend. Dabei wünscht sich jedes Gegenüber, dass man sich ihm zuwendet, sei es Gott oder der Lebenspartner. Vielleicht sollten wir uns zum Ziel machen, für´s Küssen und für´s Beten mindestens soviel Zeit aufzuwenden wie für Kneipenbummel – das sollte es uns wert sein. Ernennen wir den trüben November doch einfach zum Kuschel- und Gebetsmonat!

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Frank Hasselberg

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Mo. 04.11.13
Is´ ja nicht fertig...
Dr. Matthias Wilke
Is´ ja nicht fertig...

 

Was haben Sie Donnerstag gemacht? Nein, schauen Sie nicht so verblüfft, ich möchte Sie nicht verwirren. Ich würde nur gerne – und das ist total unaufdringlich, denn Sie könnten ja jetzt aufhören zu lesen: und ich wäre weg – Sie auf Donnerstag ansprechen.

Doch vielleicht stelle ich mich erst mal vor: Matthias Wilke, der neue Nachbar in Kirchwalsede. Da lebe ich glücklich seit dem 1. Oktober… Doch ich schweife ab. Entschuldigen Sie! Was sagten Sie, haben Sie am vergangenen Donnerstag getan? Ja, vorgestern, vorvorgestern?...

An dieser Stelle müsste nun eigentlich Ihre Antwort stehen. Kann Sie aber nicht, da ich Sie ja nicht höre. Insofern: eine blöde Idee, Sie auf diesem Wege anzusprechen. Aber, wie sonst? Deshalb so. Und damit wir jetzt nicht in lesendes Schweigen verfallen, ohne doch noch etwas von unserem Fastschoneingespräch zu haben, erzähle ich Ihnen, was ich vergangenen Donnerstag gemacht habe. Wie, das interessiert Sie nicht? Das ist ja dumm. Denn Donnerstag habe ich darüber nachgedacht, wie ich meinen Arbeitsplatz so gestalten könnte, dass wir uns mal darüber unterhalten könnten, wie Sie eigentlich zu einer Reformation der Kirche stehen… Ach, kommen Sie, die Kirche ist Ihnen doch nicht egal, oder? Sind Sie nicht getauft? Haben Sie nicht kirchlich geheiratet? Interessiert es Sie nicht, was mit Ihnen nach Ihrem Tod geschieht? Wenn doch, dann lassen Sie uns an einer Kirche bauen, die uns alle anspricht und die wir ernst nehmen. Ist ja nicht fertig, die Reformation unserer Kirchen – ebenso wenig wie unser Gespräch – oder sagten Sie schon, was Sie letzten Donnerstag gedanklich beschäftigt hat?

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Dr. Matthias Wilke

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Matthias
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Pastor
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Mo. 28.10.13
Was ist angemessen?
Was ist angemessen?

„Sind wir jetzt Millionäre?“ Das hat das Kind eines früheren Superintendenten gefragt, als die Familie in das Haus in der Goethestraße einzog. Das erste Pfarrhaus der Stadtkirchengemeinde in Rotenburg hat mehr als 220 qm Wohnfläche, dazu einen wunderbaren Garten nach hinten in die Wiesen, erbaut 1828. Vor Jahrzehnten, als das Kind sich wie ein Millionär fühlte, lebten acht Menschen in diesem Haus. Heute sind da meine Frau und ich und vorne zwei Büros.

Oft denken wir über das Privileg nach, in einem solchen Pfarrhaus zu wohnen. Wie wohnen andere? Was bedeutet das, ein Pastor zu sein, der das Evangelium weitersagen soll, und so zu wohnen? Wir sind sehr dankbar, so unbeschwert leben zu dürfen – für eine Zeit. Aber geht das eigentlich? Es ist nachvollziehbar, warum es vor Jahrzehnten einmal so gebaut wurde: eine große Pfarrfamilie, eine kleine Landstelle, immer viele Menschen an einem großen Tisch. Und das Kind des Vorgängers mit fünf Geschwistern war von heute aus betrachtet ganz bestimmt kein reiches Kind. Aber jetzt?

Es ist gut, dass sich viele aufregen über das, was in Limburg geschieht – ich tue es auch. Das zeigt, dass wir genau wissen, dass das Christentum in seinem Kern Evangelium für die Armen ist. Und dazu passt solche Verschwendung nicht. Schlimm und unpassend.

Aber was passt? Wenn wir uns nicht einfach nur gern mal wieder ärgern, wenn es nicht darum geht, in unserer Mediengesellschaft möglichst viele Talkshows mit solchem Ärger zu füllen, dann kommt die Frage zurück, jedenfalls zu denen, die nicht arm sind: Was ist angemessen?

Die Bibel nennt, wie ich sie verstehe, keine Zahl und beschreibt keine Grenze. Selig werden die Armen genannt. Und alle anderen sind aufgefordert das, was sie haben, zu gebrauchen und zu teilen. „Privat“ heißt im Wortsinn „getrennt“, also dem Austausch entzogen, verborgen, nicht gebraucht, nur besessen. Angemessen ist das, was in Benutzung ist für das Leben, für seine Schönheit, für unsere Gemeinschaft. Das ist oft viel weniger, als wir besitzen. Die meisten, auch wir, könnten noch mehr teilen. Das erscheint mir als eine angemessene Reaktion auf den Limburger Skandal.

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